Review: Vom Leselicht ins Schwarzlicht

Spex

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing
Bergsonist hat sich nach einem Philosophen benannt und will auf ihrem dritten Album irgendwas mit Gesellschaft untersuchen. Klingt nach Proseminar und Fördergeldantrag? Nichts da! Middle Ouest liefert schlicht Futter für sämtliche Regionen zwischen Kopf und Fuß.

Bei oberflächlichem Kontakt könnte man die Musik der in New York lebenden Produzentin Selwa Abd alias Bergsonist durchaus für die leibhaftige Verkörperung dessen halten, was der Großschreiber Simon Reynolds kürzlich – von harten Diskussionen umflort – noch spöttelnd „Conceptronica“ genannt hat. Nicht nur verkündet das Label des Schotten JD Twitch alias Optimo das (doch recht generische) Konzept: „She uses a variety of media to investigate social resonance through divergent conceptual aesthetics.“ Welcher Künstler will das nicht: untersuchen, wie die Gesellschaft auf die eigenen, von der Norm abweichenden Ästhetiken reagiert? Vor allem aber verströmt Abds Künstlernamensverweis auf Gille Deleuzes Wiederbelebung des Organik- Philosophen Henri Bergson mutmaßlich den Odeur von Seminarsaal, Stirnrunzeln und Fördergeldantrag, den Reynolds da gegen körperlichen Spaß und Sinnlichkeit ausspielen wollte.

„Mutmaßlich“ deshalb, weil „Middle Ouest“, Selwa Abds drittes Bergsonist-Album, dann doch auch sehr sinnlich geraten ist, der Empathiker Henri Bergson lässt grüßen. Wie jedenfalls Bergson, der Philosoph, unter anderem Heterogenität und Kontinuität zusammendachte, davon kann Bergsonist, die Produzentin mit migrantischen Wurzeln, sicher ein Lied singen. Beziehungsweise einen Track produzieren. Und weil die in Marokko geborene Abd für diese „sonic autobiography“ neuerdings auch noch ausgiebig ihre Wurzeln erkundet, ist „Middle Ouest“ dann doch eher ein schönes Beispiel für das, was hier kürzlich noch „Ausweitung der Hörzone“ genannt wurde, denn für körperlose Konzeptelektronik. Oder besser: Diese Musik ist, wie so viele, ganz einfach beides zugleich, Konzept und Club, und sie kommt mit dieser Janusköpfigkeit gut klar.

Und wie klingt das nun? Abd selber behauptet von sich zwar: „I’m not a box but a genre-less ocean.“ Doch aus diesem Ozean entstieg für ihre bisherigen Veröffentlichungen auf Labels wie Börft, Styles Upon Styles oder Where To Now? dann doch meist mehr oder minder geradliniger Scheppertechno. Nun aber flottiert ihre Musik tatsächlich teils frei, hat dabei zugleich an Komplexität und Gehalt zugenommen – und wird im weiteren Verlauf dann trotzdem noch physisch. So beginnt es mit dahinklöppelnden Rahmentrommel-Loops, deren abrupte Polyrhythmus-Stoik den Geist von Muslimgauze aufruft. An den visionären Briten erinnert auch ein Polit-Titel wie „Gaza Border Violence“, wo so etwas wie arabische Hochzeitsmusik in einen Technobanger weht.

Dazwischen „Amazon Snake Charming“ – nicht nur dessen Titel klingt wie der Dark Ambient von Rainforest Spiritual Enslavement, nur halt mit Darbuka-Trommeln. So viel zur „sonic autobiography“ und zum Konzeptuellen. Dann dreht Abd die Bassdrum rein, die bei ihr oft nach verwitterter 8-Bit-Darstellung klingt, und dreht sie nicht mehr raus, gern zu lasziven, geschlechtslosqueeren New-Wave-Stimmen. Was einen schlüssigen Ablauf ergibt, vom Leselicht ins Schwarzlicht, vom ersten Stock in den Keller, vom Kopf in den Unterleib in die Beine.

Ganz von den Zumutungen des Konsumkapitalismus fragmentiert verharrt Bergsonist übrigens auf ihrem Ambient-Album „Sublime Language of My Century“, das sie Anfang des Jahres zusammen mit Speaker Music bei ihrer eigenen Plattform Bizaarbazaar veröffentlicht hat. Ihr Label Optimo jedenfalls sagt über sie: „Ridiculously talented and prolific, Bergsonist is one of thee most interesting, thoughtful and important artists of our times.“ Und Bergson, der Philosoph, sagt: „Dank der Intuition kann die Menschheit ihre Intelligenz gegen sich richten, um das Leben selbst zu ergreifen.“ Das Leben mit seiner Kreativität vereine die Einfachheit des Geistes mit der Diversität der Materie. Nicht Kopf oder Bauch. Sondern Kopf und Bauch.

Bergsonist
Middle Ouest
(Optimo)
Erschien am 17.01.