Interview: „Ich sehe mich als Anwalt des Leibes“

Science Notes

Der Sportphilosoph und -soziologe Robert Gugutzer findet es wichtig, beim Sport nicht nur auf den Körper zu schauen – sondern auch den Leib im Blick zu behalten. Wie sich beides unterscheidet, und warum zum Leib sogar ein Tennisschläger gehören kann, erklärt er hier.

Science Notes: Herr Gugutzer, wie passen Sport und Philosophie zusammen?

Robert Gugutzer: Ich verstehe Sportphilosophie als eine reflektierende Form der sonst eher anwendungsorientierten Sportwissenschaft. Sie stellt grundlegende Fragen über den Sport. Also zum Beispiel: Was ist Bewegung? Was bedeutet Fairness? Wie geht Scheitern vonstatten? Für Sporttreibende mag es so wirken, als lägen die Antworten zu solchen Fragen auf der Hand: Das war fair, oder es war unfair, jemand ist erfolgreich oder gescheitert, der Ball ist halt drin oder nicht drin. Aber aus einer philosophischen Perspektive ist das alles gar nicht so eindeutig. Es geht dann um ein Herausarbeiten von begrifflicher Schärfe, was allgemein das Kerngeschäft von Philosophie ist.

Sport ist – von wenigen Ausnahmen wie Schach oder e-Sport vielleicht mal abgesehen – vor allem eine körperliche Angelegenheit. Man schwitzt, geht unter die Dusche und hat hinterher Muskelkater. Die Philosophie dagegen ist etwas Geistig-Intellektuelles. Wie getrennt sind diese Ebenen?

Das kommt darauf an. Der klassische cartesianische Dualismus als philosophische Haltung unterscheidet hier strikt. Ihm zufolge besteht der Mensch aus zwei grundsätzlich unterschiedlichen Substanzen, dem immateriellen, denkenden Geist beziehungsweise der Seele und dem materiellen Körper. Dieses Modell ist in den Wissenschaften heute noch weit verbreitet, auch die Sportwissenschaft argumentiert mehrheitlich noch so, und es ist auch im Alltag tief verankert. Aber wenn man mal genau hinsieht, dann erkennt man, dass es der Realität schlicht nicht gerecht wird. Sport erfrischt immer auch den Geist, und wer in körperlich schlechter Verfassung ist, kann auch schwieriger einen klaren Gedanken fassen. Geistige Arbeit ist auch körperlich anstrengend. Und wenn man einen tollen Gedanken hat, dann ist man beglückt, und es wird einem körperlich warm. Ebenso wenn ein Gespräch mit anderen flutscht und man sich die Gedanken hin und her spielt wie beim Tennis den Ball. Das alles sind Phänomene, denen man Gewalt antut, wenn man sie nur als rein körperlich oder rein geistig bezeichnet.

Als Sportphilosoph stellen Sie den Körper sogar ins Zentrum Ihrer Arbeit. Was interessiert Sie daran?

Ich komme von der Soziologie, und da stand am Anfang für mich eine Leerstelle: Die Soziologie hat den Körper lange Zeit kaum thematisiert, sondern sie ist aufgetreten, als sei Gesellschaft etwas, das körperlos vonstattengeht – ein reines Gefüge aus Normen, Werten und Strukturen. Dabei besteht Gesellschaft aus Menschen, die nun mal einen Körper haben. Sogar in der Sportsoziologe geht es vor allem um gesellschaftliche Strukturen oder Machtverhältnisse. Mich hat aber interessiert, welche Rolle beim menschlichen Zusammenleben, und dabei vor allem im Sport, die Tatsache spielt, dass da Körper herumlaufen. Körperbilder oder Körperpraktiken diffundieren aus dem Sport in die Gesellschaft – während sich zugleich gesellschaftliche Körperbilder und Körpernormen im Sport widerspiegeln.

Woran zeigt sich das zum Beispiel?

Gesellschaftlich betrachtet herrscht heute zunehmend die normative Erwartung, jeder solle sportlich sein oder zumindest Sportlichkeit demonstrieren, weil man damit erfolgreich und attraktiv wirkt. Sportlichkeit ist zu einem Wert an sich geworden. Das gibt es überhaupt erst seit etwa den 1970ern. Und Sportlichkeit zeigt sich heute nicht nur an trainierten Körpern, sondern auch symbolisch, an Turnschuhen, Baseballcaps, Hoodies und ähnlich versportlichter „Athleisure“-Alltagskleidung, die auch privat zu Hause oder sogar im Büro getragen wird. Der Sport selbst findet derweil nicht mehr nur auf Tartanbahnen oder in Fitnessstudios statt, sondern er wird auch für die Allgemeinheit sichtbarer – etwa bei den Blade Nights oder City-Marathons, für die ganze Innenstädte gesperrt werden. Das ist eine Eroberung des öffentlichen Raums durch sporttreibende Körper.

Wie beeinflusst, andersrum betrachtet, die Gesellschaft diese Sportkörper?

Durch gesellschaftliche Idealbilder, aber auch durch Medialisierung und Selbstvermarktung haben sich zum Beispiel die Körper von Sportler:innen stark verändert. Schauen Sie zum Beispiel, wie Fußballerkörper noch in den 1960er- und 1970er-Jahren aussahen und wie in der Gegenwart. Das ist schon ein krasser Wandel. Der Fußballerkörper ist heute dank Wissenschaft und Forschung viel durchtrainierter als früher. Und er ist auch stärker ästhetisiert, mit diesen ganzen Tätowierungen und aufwendigen Frisuren. Der Sport wird damit zu einer Bühne für Körper, und ein Cristiano Ronaldo zum Beispiel betreibt diese Inszenierung perfekt.

Wir haben jetzt die ganze Zeit einfach vom „Körper“ gesprochen. Dabei betrachten Sie diesen bei Ihrer Arbeit eigentlich viel detaillierter – und unterscheiden zwischen einem „Körper, den man hat“ und dem „Leib, der man ist“. Was bedeutet das?

Im Deutschen geht diese Unterscheidung zwischen Leib-Sein und Körper-Haben zurück auf den Philosophen und Soziologen Helmuth Plessner. Ich stütze mich außerdem auf weitere Ausarbeitungen des Philosophen Hermann Schmitz. Demnach ist das Körperliche der materielle Körper, den man von außen sieht, den man betrachten und anfassen, messen und quantifizieren kann. Also man selbst in der Fremdwahrnehmung. Und das Leibliche ist das, was man an sich spürt, also man selbst in der Selbstwahrnehmung.

Zum besseren Verständnis: Wie zeigt sich dieser Unterschied konkret?

Ich kann zum Beispiel meinen Körper kontinuierlich von oben nach unten abtasten, vom Kopf bis zu den Zehenspitzen. Das geht mit dem Leib nicht, auch wenn manche Meditationstechniken das versuchen, bei denen man erst die eigene Stirn spüren soll, dann die Augen, die Nasenspitze und so weiter. Das Hinunterspüren ist diskontinuierlich. Zudem ist der menschliche Körper wie alle Körper räumlich ausgedehnt und hat Oberflächen. Die leibliche Empfindung Kopfweh dagegen spürt man mitunter zwar als riesiges Volumen, man hat dann einen dicken Schädel. Aber das Kopfweh hat keine Oberfläche, sondern eine flächenlose Ausdehnung. Das zeigt: Auch wenn beides natürlich zusammenhängt, sind Körper und Leib unterschiedliche Phänomene, für die man unterschiedliche Begriffe braucht.

Warum ist diese Unterscheidung Ihrer Ansicht nach wichtig für den Sport?

Weil wir sonst wichtige Erfahrungen übersehen. Ich erlebe das bei meinen Studierenden der Sportwissenschaft. Wenn ich die frage, wann sie sich im Sport wahrnehmen, sagen sie zum Beispiel: „Wenn das Adrenalin meinen Körper flutet.“ Aber Adrenalin ist ein Hormon, ein naturwissenschaftliches Konzept. Man kann es nicht spüren. Was sie tatsächlich spüren, ist etwas anderes, zum Beispiel eine Leichtigkeit, eine Wärme, eine Fülle. Das sind leibliche Phänomene, keine körperlichen. Wir leben in einer naturwissenschaftlich geprägten Gesellschaft und setzen vor allem den Körper ins Zentrum. Aber vielleicht ist für den Sport das Leibliche viel wichtiger. Ich sehe mich in diesem Zusammenhang jedenfalls auch als Anwalt des Leibes. Und meine Aufgabe als Sportphilosoph ist es, hier für begriffliche Klarheit zu sorgen. Der Körper ist das sportliche Instrument, das man nutzt – und der Leib ist der Resonanzboden, auf dem wir spüren, ob eine Bewegung sich rund oder hakelig anfühlt.

Bei intensivem Sport kann auch mal der Eindruck aufkommen, solche leiblichen Rückmeldungen kommen von etwas, das eigentlich gar nicht mehr zu mir gehört – sondern von dem Sportgerät, das ich gerade benutze. Kann mein Leib beim Sport mehr umfassen als nur meinen Körper?

Aber ja! Manchmal passen neue Sportgeräte auf Anhieb perfekt, man fährt dann zum Beispiel mit einem neuen Rennrad wie von allein. Oder der neue Tennisschläger liegt einem direkt super in der Hand, die Bespannung ist genau richtig, nicht zu hart und nicht zu weich. Das spürt man. Viele Sporttreibende sagen dann Sachen wie: „Ich verschmelze mit meinem Rad“ oder „Der Tennisschläger und ich sind eins“. Das sind Metaphern, der Körper hat eine klare Grenze, da kann nichts verschmelzen. Anders der Leib, er kann über Haut und Haare hinausreichen. Im leiblichen Sinne kann es also eine solche gefühlte Verschränkung durchaus geben. Ich empfinde dann das Sportgerät als Teil von mir, es ist wie eine Erweiterung meines Selbst. Und es geht gewissermaßen auch mit mir auf eine bestimmte Weise um, es gibt eine spürbare Reaktion vom Ball, vom Fahrrad, von den Skiern unter mir oder von dem Wasser, in dem ich schwimme oder auf dem ich surfe.

Dazu kommen auch Reaktionen von den Leibern anderer Menschen. Wie interagieren Sporttreibende miteinander?

Sie kommunizieren, und viele Sporttreibende und Sportwissenschaftler:innen sprechen dabei von „nonverbaler Kommunikation“. Damit bin ich allerdings nicht ganz glücklich, dieser Begriff ist mir zu negativ, er sagt nur, was es nicht ist. Natürlich findet die Verständigung ohne Worte statt, aber ich würde das positiv als „leibliche Kommunikation“ oder „prä-reflexive Abstimmung“ bezeichnen. Denken Sie an einen Ruder-Achter, da sitzen acht Menschen, deren Leiber müssen sich aufeinander einstimmen, sie müssen miteinander in einen Rhythmus kommen. Aber um dahin zu kommen, müssen sie sich erst mal leiblich-kommunikativ mit dem Sportgerät und mit den anderen im Boot auseinandersetzen. Oder im Tennisdoppel muss man oft ohne wahrnehmbare Reaktionszeit parallel agieren. Das ist kein rationaler Prozess des Zeichen-Interpretierens, sondern ein unmittelbares, unwillkürliches Reagieren auf einer leiblichen Ebene. Man hat einfach keine Zeit, die Situation gründlich zu durchdenken.

Zurück zum Körper: Der steht medial und gesellschaftlich sehr im Fokus. Wieso betrachten wir heutzutage unsere eigenen Körper und die der anderen so genau?

Das 20. und mehr noch das 21. Jahrhundert zeichnen sich tatsächlich dadurch aus, dass der Stellenwert des Körpers stark gestiegen ist. Das gilt vor allem in Wohlstandsgesellschaften, in denen das tägliche Überleben gesichert ist und Zeit bleibt, das eigene Selbst in den Mittelpunkt zu rücken. Wir leben auch, zumindest in Ländern wie Deutschland, in einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft, in der die Religion an Bedeutung verliert. Hier wird der Körper für viele zu einer neuen Sinn-Instanz – er ist immer da, er ist konkret, man kann an ihm arbeiten und Erfolge spüren. Der Körperkult wird zu einer Art Diesseits-Religion, also zu einem Religionsersatz ohne allzu viel Metaphysik. Sie gibt Struktur und neue Rituale vor. Und in unserer individualisierten Gesellschaft gibt es den Imperativ, dass man sein Leben genießen und maximal intensiv erleben soll. Ja, dann geh ich halt Bungeejumpen! Gleichzeitig kompensieren wir mit Sport auch unsere entkörperlichte, sitzende Arbeitswelt, die den Körper stillstellt. Wir erleben also gleichzeitig eine Verdrängung und eine enorme Aufwertung des Körpers, das sind zwei Seiten einer Medaille.

Der Körperkult und die Selbstinszenierung im Sport werden oft als oberflächlich und eitel kritisiert. Sie aber scheinen viel Verständnis dafür zu haben.

Als Wissenschaftler will ich erst mal verstehen, ohne gleich zu bewerten. Wieso machen Menschen so etwas, was bedeutet das, was sagt es über unsere Gesellschaft und unsere Zeit aus, über das Menschsein hier und heute? Die Schriftstellerin Juli Zeh hat sich mal im Kontext der Selbstoptimierungsdebatte darüber geäußert, wie furchtbar und dumm es sei, dass Menschen Marathon laufen, ins Fitnessstudio gehen und sich schinden. Da bleibe doch nichts übrig, irgendwann sei man alt und der Körper welk – die sollen doch lieber Bücher lesen. Ich lese auch lieber Bücher, aber ich kann mit einer solchen pauschalen Aussage wenig anfangen. Hinter Urteilen dieser Art schwingt oft die alte christlich geprägte Leib- und Körperfeindlichkeit mit. Wenn man vor die Entscheidung gestellt wird, zählt der Körper halt wenig. Dabei muss man das gar nicht gegeneinander ausspielen. Ich habe zum Beispiel großen Respekt vor Bodybuildern. Ich finde es Wahnsinn, wie ein Mensch so hart an seinem Körper arbeiten kann, dass daraus ein Kunstwerk wird. Auch wenn mir die Ästhetik nicht gefällt, erkenne ich an, dass hier jemand Werte im Wortsinn: verkörpert, die in unserer Gesellschaft hoch angesehen sind, nämlich Körperdisziplin und Affektkontrolle, mit all dem Fleiß und dem Leiden, die dafür nötig sind. Aber natürlich gibt es immer Menschen, die das dann auch übertreiben.

Das geht bis zur Sportsucht. Wo liegt die Grenze, ab der Sport schädlich wird?

Jedes Verhalten kann in einer schädlichen Intensität betrieben werden, auch Sport. Das betrifft nicht viele Menschen, aber deren Zahl nimmt zu, und auch das hat gesellschaftliche Gründe. Bei Sportsucht ist der Sport nur die Droge, um mit tiefergehenden Lebensthemen umzugehen. Diese Menschen betreiben eigentlich Identitätsarbeit. Wie so oft geht es also auch hier beim Sport um ganz andere Themen als nur um Sport.

Robert Gugutzer hat gerade zusammen mit Thorsten Benkel den Sammelband „Extreme Körper – Eine körpersoziologische Zeitdiagnose“ (transcript verlag) veröffentlicht.

ZUR PERSON

Prof. Dr. Robert Gugutzer leitet den Arbeitsbereich Sozialwissenschaften des Sports an der Universität Frankfurt/Main und ist Sprecher der Sektion Sportphilosophie der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft. Er hat wettkampfmäßig unter anderem schon Fußball, Tennis, Volleyball und Basketball gespielt und wertschätzt weniger die dabei erzielten Tore oder Punkte, sondern vor allem gelungene Spielzüge.