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Dummy Magazin

Antike Proletarier: Der erste Arbeitskampf der Welt

Im antiken Ägypten funktionierte die Gesellschaft durch den Glauben an „Ma’at“ – eine allumfassende Ordnung, die die Welt so funktionieren ließ, wie es die Götter vorgesehen hatten. Diesem Prinzip von Harmonie, Wahrheit und Gerechtigkeit hatte sich jede und jeder zu fügen, sogar der Pharao. Soweit die Theorie. In der Praxis sah es im Jahr 1159 v. Chr. anders aus. Zu jener Zeit wurde am Nil mal wieder an prunkvollen Begräbnisstätten gearbeitet – für die oberen Schichten im alten Ägypten unerlässlich als Denkmal für die Nachwelt und gleichzeitig ruhmreiches Habitat für das Leben nach dem Tod. Doch plötzlich drohte im Hier und Jetzt und dadurch auch im Jenseits Ungemach.

Denn weil sie schon seit mehreren Monaten keinen Lohn mehr bekommen hatten, legten die hochgeschätzten Steinmetze, Maurer, Stuckateure, Maler und Zimmerleute die Arbeit nieder – und traten so in den ersten Streik der Menschheitsgeschichte. Dabei ging es nicht um Geld, das war damals noch gar nicht erfunden, sondern um Naturalien, vor allem um das Getreide, das sie für ihre Arbeit erhielten. Die Handwerker und ihre Familien waren hungrig und auch seelisch erschöpft, weil sie allmählich den Glauben an die gerechte Ordnung der Dinge verloren.

Ein Krieg war der Grund, warum die Arbeiter über Monate kein Getreide mehr bekamen. Der Pharao hatte ein Heer verschiedener Inselvölker zurückzuschlagen, die über das Mittelmeer angriffen. Die Verteidigung gelang, aber nur unter großen Verlusten, wobei unter den Gefallenen viele Erntearbeiter waren, die nun auf den Feldern fehlten. Verschlimmert wurde die Situation durch das Wetter, das einen Teil der Ernte vernichtete.

Aus Protest legten die Grab-Handwerker nicht nur ihre Werkzeuge nieder, sie schickten auch einen Beschwerde-Papyrus an den Wesir, den Stellvertreter des Pharaos. Sie zogen durch die Straßen, skandierten „Wir sind hungrig!“ und ließen sich zu einem Sitzstreik bei einem alten Totentempel am Rande der Wüste nieder. Bald darauf blockierte die aufgebrachte Menge sogar den Zugang zum Tal der Könige und hinderte Menschen daran, ihren Toten Essen und Trinken zu bringen. Als bewaffnete Wächter einschreiten wollten, drohte einer der Arbeiter damit, die Gräber zu beschädigen und auszurauben. Es werde hier, so zürnten die Protestierer, schließlich eklatant gegen die göttliche Ordnung verstoßen.

Der Pharao und seine Verwaltung standen diesem Aufstand völlig hilflos gegenüber. Dass Arbeiter für ihre Rechte aufstehen, das hatte es in Tausenden von Jahren schlicht noch nicht gegeben. Schließlich schaffte man es, ausreichend Getreide zu ernten, um die Arbeiter zu beruhigen – als sie längst satt geworden waren an der Frucht der Demokratie. Dieser erste Arbeitskampf der Geschichte, da sind sich Althistoriker einig, hat das Selbstbild der antiken Proletarier verändert. Den Menschen war klar geworden, dass sie selbst dafür sorgen können, gerecht behandelt zu werden. In der Antike eine wahrhaft göttliche Erkenntnis.

Kalifornischer Boykott: Weintrauben als No-Go

Ende der 1960er prangte der Aufkleber plötzlich überall auf den Kofferraumhauben im kalifornischen Central Valley: zwei Totenschädel, geformt aus blassgrünen Weintrauben, dazwischen die kategorische Forderung „Don’t eat grapes“, „Esst keine Weintrauben“. Auch auf Plakaten und Bannern entlang großer Straßen drohten landauf, landab in den USA die Schädel samt Slogan. Waren die guten kalifornischen Weintrauben aus dem Central Valley, dem Obstgarten der USA, etwa auf einmal schädlich?

In einem übertragenen Sinne, ja. Der Boykottaufruf war Teil des legendären Traubenstreiks, bei dem einfache Arbeiter fünf Jahre lang kalifornische Großbauern niederrangen. Die Landwirtschaft war damals einer der wichtigsten Wirtschaftszweige Kaliforniens. Die USA hatten Menschen aus Mexiko und von den Philippinen gezielt für die Drecksarbeit auf den Feldern und in den Fabriken angeworben, wo sie teils heftig diskriminiert wurden. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts argumentierten sogar Gewerkschafter, dass asiatische Menschen aus biologischen Gründen nun mal nicht denselben Lebensstandard bräuchten wie Weiße.

Der Traubenstreik begann in Delano, einem Städtchen in Zentralkalifornien, mit ein paar Supermärkten, Kirchen und ringsum endlosen Feldern. Hier schufteten die Mexikaner und Filipinos bis in die 1970er Jahre hinein unter miserablen Bedingungen: schlechte Bezahlung, erbärmliche Unterkünfte, kein Urlaub, stattdessen Willkür und Ausbeutung. Wenn die eine migrantische Community gegen die Zustände aufbegehrte, setzten große Traubenanbauer wie DiGiorgio Fruit Growers oder Schenley Industries einfach die andere ein – ohne ihren Forderungen entgegenzukommen, versteht sich. Doch statt sich weiter gegeneinander ausspielen zu lassen, zogen eines Tages alle an einem Strang.

Am 8. September 1965 hatten rund 1.000 philippinische Arbeiter den ganzen Tag lang brav Trauben geerntet. Nur, um sie dann demonstrativ, bevor sie nach Hause gingen, in der prallen Sonne auf den Feldern zu Matsch werden zu lassen. Kurz darauf taten es ihnen ihre mexikanischen Kollegen gleich. Der Protest wurde zu einer Art Happening: Man frühstückte und sang gemeinsam. Eine spontan gegründete Theatergruppe trat auf und verhöhnte die Trauben-Bosse. Doch bei allen Aktionen beharrten die Anführer – eisenharte Aktivisten wie César Chávez oder Dolores Huerta auf mexikanischer Seite sowie Philip Vera Cruz oder Larry „Seven Fingers“ Itliong bei den Filipinos – auf strikten Gewaltverzicht nach dem Vorbild der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Kein leichtes Unterfangen, denn die Großbauern reagierten rabiat: Ihre Sicherheitskräfte prügelten sich mit den Streikenden, rissen deren Camps nieder und versprühten Insektengift. Irgendwann versuchte sogar die katholische Kirche zu vermitteln.

Entscheidend für den Kampf war der Boykott. Aktivisten reisten durch das ganze Land, um Obstläden oder Restaurants zu überreden, keine kalifornischen Trauben mehr anzubieten. Sogar Hafen- und Lagerarbeiter in San Francisco überzeugten sie davon, die Früchte nicht mehr auf Schiffe zu verladen. Bald darauf galten kalifornische Weintrauben als No-go. Weil der Absatz einbrach, setzten sich schließlich die Traubenbosse an einen Tisch mit den Streikenden und stimmten all ihren Forderungen zu. Bis heute profitieren tausende Farmarbeiter davon.

Insel der Frauen: Wie ein Streik Island veränderte

So einen Run hatten die isländischen Ladenbesitzer noch nicht erlebt: Panisch stürmten Männer ihre Geschäfte und rissen ihnen Würstchen, Süßigkeiten und Malsachen aus den Händen. Nicht für sich, sondern für ihre Töchter und Söhne. Auch nicht für Weihnachten, sondern für einen ganz besonderen Freitag im Herbst des Jahres 1975. Ein Tag, an dem die Männer von früh bis spät ihre Kinder betreuen mussten – und meist mit ins Büro nahmen. Denn für die andere Hälfte der Menschen Islands gab es diesem 24. Oktober Wichtigeres zu tun: 24 Stunden lang legten fast alle Frauen des Inselstaates ihre bezahlte oder auch unbezahlte Arbeit nieder und gingen demonstrieren – aus Protest gegen ungleiche Löhne und die mangelnde Anerkennung von Care-Arbeit. Es war die größte Demo in der Geschichte des kleinen Landes.

Zwar hatte Island schon 1915 als eins der ersten Länder weltweit das Frauenwahlrecht eingeführt. Doch war die Gleichberechtigung sechzig Jahre später, wie eigentlich auch überall sonst, nur schleppend vorangekommen. So verdienten Frauen etwa im Einzelhandel immer noch ein Viertel weniger als Männer und waren in vielen Branchen von Führungspositionen ausgeschlossen. Aus Protest dagegen rief die aus Dänemark und den USA stammende Frauenrechtsbewegung Rote Strümpfe zu einem „Kvennafrídagurinn“ auf, einem Frauenruhetag. Eine vorsichtige Formulierung für die geplante Aktion, weil die Organisatorinnen fürchteten, mit dem Begriff „Streik“ weniger politisch engagierte Frauen abzuschrecken. Sie schalteten Radiospots, ließen zehntausende Flugblätter drucken und 25.000 Aufkleber, die bald überall auf Wänden und Straßenlaternen, aber auch auf Jacken und Handtaschen klebten.

Am 24. Oktober gingen dann rund 25.000 Frauen – rund 90 Prozent aller Isländerinnen – auf die Straße. Die meisten von ihnen kamen im Zentrum der isländischen Hauptstadt Reykjavik zusammen, von wo aus sie Schulter an Schulter durch die Straßen zogen. Sie sangen und hielten Plakate in die Höhe. Es lag ein überwältigendes Gefühl von Solidarität, Euphorie und Partystimmung in der Luft, während das Land komplett stillstand. Läden, Schulen und die wirtschaftlich wichtigen Fischfabriken blieben geschlossen, Flüge wurden gestrichen, Zeitungen erschienen nicht. Und auch das private Leben war verändert: Keine Frau kochte, wusch Wäsche oder kümmerte sich um die Kinder.

Der Tag wurde ein historischer Wendepunkt für das Land. Bereits ein Jahr später erließ das Parlament ein Gleichstellungsgesetz. 1980, fünf Jahre später, wählte Island als erster Staat der Welt ein weibliches Staatsoberhaupt, die geschiedene und alleinerziehende Theaterdirektorin Vigdís Finnbogadóttir. Seitdem führt das Land viele Statistiken in Fragen der Gleichstellung an. So steht Island seit sechzehn Jahren an der Spitze des Global Gender Gap Index, weil die Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern so gering sind wie nirgendwo sonst auf der Welt.

Und doch werden auch hier Frauen immer noch schlechter bezahlt als Männer. Den 24. Oktober nutzen Isländerinnen daher seit Jahrzehnten, um zu demonstrieren. Im Jahr 2023 kamen 100.000 Protestierende, mehr als ein Viertel der isländischen Bevölkerung, in Reykjavik zusammen – neben Frauen auch nonbinäre Menschen und Männer. Unter dem Slogan „Kallarðu þetta jafnrétti?“ („Das nennt Ihr Gleichberechtigung?“) äußerten die Menschen ihren Unmut wegen der immer noch unterschiedlichen Bezahlung und häuslicher und sexualisierter Gewalt. „Wenn das hier angeblich das Paradies für Frauen ist“, fragten viele, „wie muss es dann erst woanders aussehen?“