Die Einkaufsmaschinisten

Baumeister

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing
Puristen sind sie ein Graus: die Shopping-Tempel, die das Hamburger Unternehmen ECE vor allem in Deutschland und Osteuropa hochzieht. Mit ihren Konsumpalästen prägt die Firma deutsche Fußgängerzonen wie niemand sonst. Doch wie ticken die Propagandisten des grenzenlosen Einkaufs wirklich?

Im Berliner Stadtteil Marzahn stemmt sich eine futuristische silberne Spange gegen die umstehenden Plattenbauten. Hinter der Kraftarchitektur verbirgt sich ein Shopping-Center. In Leverkusen schwebt eine gläserne Scheibe über der Innenstadt. Sie beherbergt das Rathaus der Stadt – sowie ein Einkaufzentrum. Und in Braunschweig endet die Fußgängerzone vor acht Säulen und zwei Reiterstandbildern: Das wiedererrichtete Stadtschloss bildet heute nur noch das Portal für eine grün schillernde Shopping-Mall, die den ursprünglich historischen Bau von hinten umklammert. Berlin-Marzahn, Leverkusen und Braunschweig werden mitgeprägt von ihren Konsumtempeln. Und nicht sie: Landauf, landab, in Ludwigshafen oder Oldenburg, in Essen oder Dresden, stehen inzwischen innerstädtische Einkaufszentren in Fußgängerzonen und Innenstadtpassagen. Die meisten dieser Center stammen dabei aus ein und derselben Hand: von der Hamburger ECE Projektmanagement GmbH & Co KG. Exakt 93 Shopping-Malls hat das Unternehmen in den vergangenen vierzig Jahren in Deutschlands Städten hochgezogen, 132 in ganz Europa, zwanzig weitere sind in Planung. Dank dieser Masse an Großbauten bestimmt ECE wie niemand sonst, wie Deutschlands Innenstädte sich Passanten präsentieren.

„Architektur ist ein wesentlicher Teil, um Shopping Center zu etablieren und weiterzuentwickeln“, sagt Markus Lentzler, Architekt und seit zwei Jahren Geschäftsführer Architektur bei ECE. Er sitzt an der S-Bahn-Endhaltestelle Hamburg-Poppenbüttel vor der Firmenzentrale in der Sonne, in einer „Kommunikationszone“: einem Café, das mal ein Parkplatz war für das riesige Shopping-Center auf der anderen Straßenseite. ECE hat das Center 1970 errichtet, als zweites in Deutschland, es ist überspannt von einer Wohnscheibe von gmp, wurde zwei Mal generalüberholt und ist immer noch rasend erfolgreich. „Die Menschen, die hier leben, sagen, das ist mein Zentrum“, erklärt Lentzler und rührt in seinem Eiscafé. „Es ist ein Qualitätsmerkmal, wenn man in der Nähe des Einkaufszentrums wohnt.“

„Architektur ist ein wesentlicher Teil, um Shopping Center zu etablieren und weiterzuentwickeln“, sagt Markus Lentzler, Architekt und seit zwei Jahren Geschäftsführer Architektur bei ECE.

Hinter ihm erstreckt sich die ECE-Zentrale, vier Mal erweitert, fünf zusammenhängende Bürogebäude, das Gelände nennen sie in der Firma „Campus“. Draußen streifen Menschen umher wie Figuren auf einem Architekturmodell, drinnen ist gerade alles leer, Mittagszeit. Sonst entwickeln, planen und entwerfen dort mehr als 300 Architekten, Zeichner, Baumanager und Ingenieure für ECE. Damit ist das Unternehmen nach eigener Aussage „eins der größten Planungsbüros Europas“. Eine Architekturfabrik. Auch dank seiner Manpower kann ECE dabei enorm schnell arbeiten: „Wenn wir dürften, wie wir könnten, wären wir im Durchschnitt in einem Jahr baureif“, sagt der Architekturchef Lentzler. ECE errichtet zwar auch Bürohäuser, Industriebauten und Verkehrsgebäude. Vor allem aber mit Plazas und City-Points, Galerien und Arkaden verdient das Unternehmen sein Geld, schließlich heißt der Firmenname ausgeschrieben „Einkaufs-Center Entwicklungsgesellschaft“. Und dieses Geschäft betreibt ECE, zumindest gemessen an Auftragsvolumina und Kundenzuspruch, auf innenstädtischen Lagen erfolgreicher als irgendjemand sonst in Europa. Täglich strömen 3,2 Millionen Menschen in einen ihrer Konsumtempel, pro Jahr setzt sie mit den Centern 15,3 Milliarden Euro um und schiebt ein ständiges Bauvolumen von vier Milliarden Euro vor sich her.

Reimport der Restidee

Solche Zahlen hätte sich der jüdische Emigrant Victor Gruen nicht träumen lassen, der als Erfinder der heutigen Shopping-Malls gilt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte er in den in den zersiedelten Vorstädten der USA ursprünglich Zentren europäischer Stadtkultur errichten: mit Wohnhäusern, Parks, Seen – und auch einem zentralen Einkaufszentrum. Doch lediglich das Shopping-Center setzte sich durch. ECE-Gründer Werner Otto, der auch den Otto-Versand etablierte und dessen jüngster Sohn Alexander heute ECE leitet, reimportierte die Restidee aus den USA zurück nach Europa. Schon 1969 öffnete in Nürnberg das erste ECE-Shoppingcenter, damals noch auf der grünen Wiese vor den Toren der Stadt. Doch schon in den Siebzigern murrten Kommunalpolitiker über die abwandernde Kaufkraft. Auch darum drängt ECE seit Anfang der Achtziger in Stadtteilzentren oder am liebsten gleich in Innenstädte. „Wir möchten gern integrierter Teil der Stadt sein“, sagt der ECE-Architekturchef Lentzler: „Markt, Fußgängerzone und Einkaufscenter, das verbindet man schließlich mit Stadt.“ Er lobt die guten Anbindungen an den öffentlichen Personennahverkehr dort, die „belebende Fußläufigkeit“.

Doch seit dem Einzug in die repräsentativen Lagen der Innenstädte gibt es zunehmend auch Auseinandersetzungen um die ECE-Center. Schließlich drücken sie vielen Fußgängerzonen ihren Stempel auf. Verschärft wird die Diskussion dadurch, dass inzwischen alle größeren deutsche Städte über ein oder mehrere zentrale Shopping-Center verfügen und die Firma ihre Konsumtempel darum auch in mittlere Städte wie Bielefeld oder Osnabrück stellen will. Dort aber ist ein großes Einkaufszentrum noch prägender als in einer Großstadt. So zerbrach in Oldenburg eine Ratskoalition im Streit um ein Einkaufszentrum, in Heilbronn und Hameln gab es Proteste, im rheinischen Siegburg stoppte ein Bürgerentscheid ein Center, in Münster ein Gericht. Bei vielen Bürgern schrillen inzwischen Alarmglocken, wenn ECE an die Tür ihrer Kommune klopft.

Vor allem zwei Vorwürfe machen Kritiker ECE: Ihre Center seien oft zu groß. Und deren bauliche Gestalt wende sich eher von der Innenstadt ab, als mit ihr zu korrespondieren – zum Beispiel, weil die Gebäude meist nur über wenige Eingänge verfügen. „Das sind oft autistische Gebilde, denen das Umfeld ganz egal ist“, sagt etwa der Architekt und Stadtforscher Holger Pump-Uhlmann. Er hat zusammen mit anderen das Buch „Angriff auf die City“ veröffentlicht, das sich kritisch mit innerstädtischen Shopping-Malls auseinandersetzt. So seien bei Einkaufszentren das Innen und das Außen quasi verdreht: die rein funktionalen Wände außen, die reizvollen Fassaden innen. Der Grund dafür: ECE versucht, die Laufwege seiner Kunden möglichst zu kontrollieren. Die Architekten planen die Center meist als kompakte Blöcke, das notwendige Parkhaus auf dem Dach versteckt. Von dort sollen Passenten wie Wasser nach unten durchsickern, üblicherweise über drei Stockwerke: Obergeschoss, Erdgeschoss, Untergeschoss. Mehr wäre zu mühselig und verwirrend für die Shopper. Auf dem Weg nach unten werden sie an einem ausklügelten System von Läden vorbeigeführt. So liegt etwa eine Boutique meist gegenüber eines Schuhgeschäfts, damit Passanten vom einen zum anderen schlendern. Jeder zusätzliche Ein- und Ausgang lenkt dabei ab und verringert die vermietbare Fläche. Und zu viele von ihnen könnten zudem zur Folge haben, dass Besucher mal eben von draußen reinschneien – und womöglich nur das Notwendigste kaufen.

Um das zu verhindern, präsentieren zudem Bekleidungsgeschäfte, Buchhändler oder Elektronikmärkte ihre Waren inzwischen immer ausladender auf immer mehr Fläche. So sollen die Angebote verlockender wirken. Kein Wunder also, dass sich große Handelsketten gern in Einkaufszentren ansiedeln: Nur hier finden sie in Innenstädten oft noch geeignete Flächen. Um der Nachfrage entgegenzukommen, klotzt ECE häufig große Gebäudekörper in die Innenstädte – selbst wenn es dabei althergebrachte Laufwege überbaut. So hat das kleinste von ECE entwickelte Center rund 10.000 Quadratmeter Verkaufsfläche, der Durchschnitt sind 30.000 Quadratmeter. Das ist in einer mittleren Stadt schnell mal halb so viel, wie der vorhandene Einzelhandel schon belegt hat – wahre Einkaufsmaschinen. „Wir investieren in solche Standorte im dreistelligen Millionenbereich. Und am Ende muss sich das für uns als betriebswirtschaftlich geführten Betrieb natürlich auch rechnen“, sagt der Architekturvorstand Lentzler. 200 bis 300 Meter Länge für die zentrale Mall-Passage nennt er „eine gute Größe“. Große Projekte rechnen sich zudem meist besser und sind langfristig überlebensfähiger – auch und gerade, wenn die umliegende Innenstadt leergesaugt wird und verödet. ECE pocht dagegen darauf, dass es Innenstädte belebt, weil im Schatten eines neuen Centers auch bereits ansässige Händler wieder mehr ins Marketing investierten und am Sortiment feilten. „Konkurrenz belebt das Geschäft. Das ist meiner Meinung nach eine Win-Win-Situation“, sagt Lentzler. Er nennt das eine „Qualifizierung“ von Städten, mit der sich die teils schnellen Lösungen der Nachkriegsjahre ausbessern lassen.

Anlocken mit Erlebnis-Shopping

So bitten manche Kommunen sogar um ein ECE-Einkaufszentrum. Meist aber klopfen die ECE-Planer bei ihnen an und weisen darauf hin, dass die Nachbarstadt auch schon ein florierendes Einkaufszentrum habe. Ob man im Standortwettbewerb wirklich an Attraktivität verlieren wolle? In der ECE-Zentrale gibt es Listen und Tabellen zu allen relevanten Städten Deutschlands, in denen noch kein hauseigenes Center steht. Relevant sind in der Regel solche ab 50.000 Einwohnern. Wenn ein Projekt anläuft, prüfen die ECE-Planer zunächst Marktumfeld, Kundenpotenziale oder Denkmalschutz-Auflagen. Bevor sich die hauseigenen Planer dann an die architektonische Gestaltung machen, definieren sie das Produkt: preisliche Positionierung, Größe, Sortimentsschwerpunkte. Daraus entwickeln sie eine gestalterische Grundidee: Welche Geschichte soll das Center erzählen? Sie ist wichtig, weil Konsumenten heute jederzeit und überall per Internet bestellen könnten – und darum mit Erlebnis-Shopping in die Center gelockt werden müssen. So wird sich beispielsweise eine von ECE gestaltete und im Bau befindliche Mall in der kroatischen Stadt Split mit Farben und Formen auf den nahen Palast des römischen Kaisers Diokletian beziehen – manche ECE-Angestellte nennen sie darum „Shoppingpalast“. Und das Center „Marmara Park“ in Istanbul präsentiert sich gleich als von oben gelandetes Raumschiff – fast so, als würde ECE den Autismusvorwurf selbstironisch aufgreifen.

In Deutschland sind Geschichten und Gestaltung dagegen etwas dezenter. In den Oldenburger Schlosshöfen zum Beispiel herrscht mit gemalten Karos das Grundthema „Harlekin“, aufgemalte Barockschnörkel sollen außerdem auf das Stadtschloss vor den Glastüren des Centers hinweisen. Mit solchen Ornamenten soll jedes Shopping-Center laut Firmen-Website ein „identitätsstiftendes Unikat“ für seinen Standort sein: „Innovative Gestaltungselemente wie Lichtsäulen, interaktive Brunnen und künstlerisch gestaltete Fassaden sind dabei ebenso zu finden wie hochwertige Lederbänke, Holzfußböden und hölzerne Geländer.“ Ein großer Aufwand, um den Einkaufszentren Identität zu geben – und dabei zugleich den Geschmack möglichst vieler Menschen zu treffen.

Im Inneren gaben sich ECE-Center früher eher zurückhaltend elegant, mit Marmorfußböden und goldenen Handläufen. Später warn sie vor allem kühl, klar und reduziert. Inzwischen werden sie wieder lebendiger, knalliger, mit farbigen Mustern, die aussehen wie von einem Ikea-Bettbezug geklaut und die die Orientierung erleichtern sollen. Grundsätzlich jedoch sind die Innenräume meist ähnlich gestaltet, mit Galerien und Lichthöfen, mit zentralen Achsen und Symmetrien, um Orientierung und Überblick zu gewährleisten.

Mehr Mühe geben sich die ECE-Gestalter bei den Fassaden. So werden für Renommeeprojekte auch mal bekannte Namen engagiert wie Gunter Henn für das größte innerstädtische Einkaufszentrum Deutschlands in Essen, Renzo Piano für die Arkaden am Potsdamer Platz in Berlin oder RKW Rhode Kellermann Wawrowsky für das Quartier am Mailänder Platz als Teil von Stuttgart 21, wo ECE zu den wichtigsten Investoren gehört. „Eine Handelsimmobilie muss mitteilen, dass da etwas Besonderes zu finden ist. Das haben wir von den Warenhäusern gelernt“, sagt der Chefarchitekt Lentzler. Doch meist kämpfen auch sorgfältigere Fassadengestaltungen mit den Logos der großen Ketten, die im Inneren ihre Läden platziert haben. So sind die Center letztlich vor allem „dekorierte Schuppen“ (Robert Venturi) mit Scheinfassaden. Da kommt es der Firma gelegen, wenn sie die Aura historischer Gebäude übernehmen kann. So hat ECE in Hameln das alte Kreishaus bis auf die Fassade abgerissen und dahinter ein Center errichtet. Ähnliches geschah in Saarbrücken mit der 1880 von Martin Gropius gebauten Bergwerksdirektion oder in Braunschweig mit dem wiedererrichteten Stadtschloss. Die historischen Räume hinter den „denkmalgeschützten Fassadenelementen“, wie ECE sie nennt, sind meist unbrauchbar für ein Einkaufszentrum. Das Unternehmen rühmt sich nun damit, dass diese Bauten jetzt erstmals der Öffentlichkeit zugänglich sind – nur dass die Gebäude an sich nicht mehr da sind.

Ergebnis der Lernkurve

Aber ECE gibt sich lernwillig. Auch um die vielen Schelter und Meckerer zu besänftigen. Dabei hat der Mall-Kritiker Holger Pump-Uhlmann hat ja nichts Grundsätzliches gegen Einkaufszentren – sie müssten jedoch in Bezug auf den Einzelhandel vor Ort eine verträgliche Größe haben, dessen Angebot ergänzen und vor allem Bezug auf die bauliche Struktur der Stadt und die vorhandene Architektur nehmen. Nur dann würde eine Kommune von ihnen profitieren. „Unsere Objekte sind immer offener, das ist ein Ergebnis unserer Lernkurve“, entgegnet der Architekturvorstand Markus Lentzler. So siedeln im Erdgeschoss inzwischen häufig Restaurants, die ringsum ihre Sonnenschirme aufspannen. Das Ziel sei „mehr Kommunikation mit dem Stadtraum“. Allerdings: „Was nicht geht, dass man Gebäude atomisiert wie Einzelstrukturen. Die Gesamtstruktur muss in einem Dialog miteinander stehen.“ Doch was macht man mit diesen riesigen Gebäudekörpern in den Innenstädten, wenn irgendwann mal die Zeit der Einkaufszentren zu Ende geht wie ja auch mal die Zeit der Warenhäuser und vor ihnen die der Passagen zu Ende gegangen war? Die Webseite deadmalls.com etwa dokumentiert, dass man sie in den USA, dem Mutterland der Shopping-Malls, einfach verfallen lässt. Aber dort stehen sie ja auch meist an der Umgehungsstraße, kurz vor den Mauern der Stadt.