Entwicklungshilfe fürs Ich

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Weggefahren als Jugendlicher, zurückgekehrt als Erwachsener: Wer für ein Praktikum in ein Schwellen- oder Entwicklungsland geht, macht Erfahrungen, die weit mehr sind als Stationen, die den Lebenslauf aufpolieren.

Wie man einen Brunnen baut, weiß Leon Reichel jetzt. Grob gesagt, braucht man dafür nur ein tiefes Loch. Und Steine, die das Loch abstützen. Mehr als 400 davon hat Reichel kürzlich an einem Wochenende mühsam mit eigener Hand angefertigt. Von sieben Uhr morgens bis zum Sonnenuntergang mischte er Zement und Sand mit Wasser und füllte das Gemisch in Formen, in denen es zu Beton trocknete. Immer das Ziel vor Augen: ein Brunnen für die Grundschule eines kleinen Dorfs – gelegen im Herzen von Uganda in Ostafrika. Harte Arbeit, sagt der 20-Jährige, aber eine sinnvolle. Bisher hatten die Grundschüler jeden Tag mit 25-Liter-Kanistern zehn Kilometer gehen müssen, um Wasser zum Waschen und Kochen zu holen.

Reichel hat sich ganz bewusst für dieses spezielle Praktikum entschieden. „Nach dem Abi wollte ich erst mal eine Pause vom Lernen machen und die Welt sehen“, erklärt er. „Ich wollte gern praktisch arbeiten, mit Menschen – und dabei auch noch etwas Sinnvolles tun.“ Nach einiger Suche stieß Reichel auf die Organisation Weltwärts. Die Einrichtung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung schickt junge Freiwillige in die Welt. So landete der Neusser für ein Jahr in der ugandischen Kleinstadt Buwama mit etwa 1 000 Einwohnern, rund 6.000 Kilometer von Deutschland entfernt.

Hier ist Reichels Arbeitgeber die örtliche Hilfsorganisation Voluntary Action for Development, die unter anderem für die Bewohner der Dörfer rund um Buwama direkt am Victoria-See ein Mikrokredite-System betreibt, auf Häusern Solarzellenmodule montiert oder eben Brunnen gräbt. Neben seiner Arbeit lernte Reichel auch Land und Leute kennen. So erklärte er etwa seinen Kollegen, warum deutsche Autos teurer sind als japanische, probierte frittierte Grashüpfer – und konnte kürzlich bei einer privaten Party sogar schon eine kurze Rede in der lokalen Sprache Luganda halten. „Die meisten Menschen hier“, berichtet Reichel aus Buwama, „haben noch nie einen Weißen näher kennengelernt.“

Leon Reichel ist einer von Tausenden jungen Deutschen, die sich nach dem Abitur oder während des Studiums für ein Praktikum in einem Schwellen- oder Entwicklungsland entscheiden. Sie tun Gutes – für andere, sich selbst und natürlich auch für ihren Lebenslauf. Denn künftigen Arbeitgebern signalisieren sie mit ihrem Engagement in der Entwicklungs- und Aufbauarbeit, dass sie über jene Soft Skills verfügen, die heute besonders wichtig und daher gerne gesehen sind: soziales Verantwortungsbewusstsein, Belastbarkeit und Flexibilität etwa. Sie haben bewiesen, dass sie sich in fremden Kulturen zurechtfinden, dass sie sich Gedanken machen – um mehr als Schule, Studium und den eigenen Freundeskreis. „Sie zeigen, dass sie sich für Ziele begeistern können und sich eine gute Sache zu eigen machen – und nicht, wie so mancher Erasmus-Stipendiat, ihr Auslandssemester in Straßencafés oder am Strand verbringen“, sagt der Berliner Bewerbungscoach Gerhard Winkler.

»Der Nachwuchs muss raus aus seiner Komfortzone.«

Herbert Henzler, früherer McKinsey-Europa-Chef

Der Nachwuchs müsse raus aus seiner Komfortzone, hat etwa der frühere McKinsey-Europa-Chef Herbert Henzler vor kurzem gefordert. Wer in Afrika, Asien oder Südamerika lebt und arbeitet, tut genau das. Viele Personaler und Unternehmer sehen das ähnlich. „Auslandserfahrungen sind per se eine Bereicherung für jeden jungen Menschen. Wenn das Praktikum in einem Schwellenland absolviert wurde, das sich in kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Belangen ja oft sehr von Deutschland unterscheidet, kann das den Horizont nur noch zusätzlich erweitern“, sagt Frank Ferchau, Geschäftsführer des Ingenieur-Dienstleisters Ferchau aus Gummersbach, der in den letzten Jahren mehrfach als Top-Arbeitgeber ausgezeichnet wurde.

Man wird nicht die Welt verändern

Wer für ein soziales Praktikum ins Ausland gehen will, hat die Qual der Wahl: Wiederaufforstungsprojekte im Dschungel Nicaraguas, die Pressearbeit für Hilfsorganisationen, die in den Townships Südafrikas Waisenhäuser für aidskranke Kinder betreiben, oder die Unterstützung von Deutschlehrern in der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator. Genauso vielfältig sind auch die Anbieter, die die jungen Leute entsenden. Da gibt es zum einen die staatlichen Dienste, wie etwa Weltwärts oder die Initiative Kulturweit, eine Einrichtung des Auswärtigen Amts, die sich auf Kultur- und Bildungsprojekte konzentriert. Zum anderen existieren zahlreiche Nischen-Reisebüros oder Vermittlungsagenturen, bei denen Freiwillige Geld zahlen, um vor Ort Gutes tun zu dürfen.

Die Frage ist nur: Kann man mit seinem Engagement tatsächlich etwas bewegen? Zu hoch sollten die Erwartungen nicht sein. Das müsse man realistisch sehen, sagt Karin Schüler, Abteilungsleiterin bei Weltwärts, einem staatlichen Anbieter, der jährlich mehr als 3000 Freiwillige für sechs bis 24 Monate in Entwicklungsländer bringt. „Man wird nicht vor Ort die Welt verändern“, sagt sie. „Aber es kann auch schon sehr befriedigend sein, Gutes nur zu unterstützen.“ In erster Linie proftieren wohl die Freiwilligen: „Sie können sich sozial, persönlich und interkulturell weiterentwickeln“, sagt Schüler. „Viele unserer Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind noch Jugendliche, wenn sie den Dienst beginnen. Sie kehren als erwachsene Menschen zurück.“ Die zudem teils exotische Sprachen gelernt haben. „Wenn man ausschließlich mit Menschen zusammenlebt, deren Sprache man nicht spricht, dann lernt man diese meist ziemlich schnell“, sagt Stefanie Alles von der Initiative Kulturweit. Das kann später im Job ein Riesenvorteil sein.

Mehr mitgenommen als gegeben

Genau deshalb ist auch Melanie Büche in die Welt aufgebrochen. Sie wollte andere Länder sehen – und Spanisch lernen. „Mein Antrieb war also gar nicht so sehr, dass ich etwas Gutes tun wollte – es waren tatsächlich eher egoistische Beweggründe“, sagt sie. Denn: „Eine Sprachschule wäre zu teuer gewesen.“ Freunde hatten ihr von der Möglichkeit berichtet, im Ausland Freiwilligenarbeit zu leisten. So kam sie über den Jugendaustauschdienst ICJA in die Kleinstadt Paraíso im zentralamerikanischen Costa Rica. Dort arbeitete Büche für ein kleines Taschengeld in einem Waisenhaus, in dem 120 Kinder leben. „Man darf sich allerdings nicht vorstellen, dass das nur eine Gruppe von süßen, kleinen Kindern war, mit denen man lieb spielen konnte“, berichtet sie. So stammten viele der Kinder und Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen, hatten Misshandlung erlebt oder sogar schon im Gefängnis gesessen. Kein einfaches Arbeitsumfeld für die junge Frau also.

Trotzdem gelang es Büche mit der Zeit, sich Respekt und Vertrauen zu erarbeiten. „Ich habe selbst mehr aus dem Jahr mitgenommen, als ich geben konnte“, sagt die 23-Jährige. Und ihr Spanisch kann sich nun sehen lassen. Darüber hinaus sei sie selbstbewusster geworden, geduldiger und offener gegenüber anderen Menschen, auch und besonders gegenüber solchen aus anderen Kulturen. Davon berichten fast alle, die zurückgekehrt sind. Büche sagt, auch deshalb sei es ihr leichtgefallen, in Deutschland später Praktikumsplätze während des Studiums zu finden.

In der Tat sind viele Personalchefs beeindruckt von Bewerbern, die einen solchen Auslandsaufenthalt in ihrem Lebenslauf haben. „Mitarbeiter, die bewiesen haben, dass sie Lust an neuen Erfahrungen und einen breiten Horizont haben, sind für uns und unsere Kunden sehr wichtig“, sagt Unternehmer Frank Ferchau. Der gleichen Meinung ist man im Chemiekonzern BASF: „Neben den fachlichen Quali kationen, die natürlich stimmen müssen, achten wir auch auf Angaben im Lebenslauf, die mehr über die Persönlichkeit des Bewerbers aussagen – wie beispielsweise ein Engagement im sozialen Bereich“, sagt Sarah Ulmschneider-Renner, Personalmanagerin beim Chemiekonzern BASF. Ins Ausland zu gehen oder das Urlaubssemester für ein Praktikum zu nutzen, werde gern gesehen, selbst wenn das bedeutet, etwas länger zu studieren.

Einfach mal probieren

Dennoch haben nur wenige ihren Lebenslauf im Hinterkopf, wenn sie sich für die Arbeit im Ausland entscheiden. Vincent Kammer hat sich, als er vor rund eineinhalb Jahren vor der Entscheidung stand, darüber gar keine Gedanken gemacht. Wohin genau es gehen sollte und wie lange er bleiben wollte, wusste er damals noch nicht. Ihm war nur klar, dass er ins Ausland gehen wollte, um dort etwas Sinnvolles zu tun. So stieß er auf Kulturweit, den Freiwilligendienst des Auswärtigen Amts, der sich auf Kultur- und Bildungsprojekte in Entwicklungs- und Schwellenländern spezialisiert hat. Die Organisation schlug ihm ein Projekt in der nordrumänischen Kleinstadt Viseu de Sus vor. „Ich musste erst mal auf der Karte nachgucken, wo das überhaupt liegt“, erinnert sich Kammer. Schließlich sei das Land ja nicht das erste, das einem in den Sinn komme, wenn man an Auslandsaufenthalte in Entwicklungs- und Schwellenländern denke.

So landete Kammer in einer ländlich geprägten Region an der Grenze zur Ukraine, wo Pferdekarren nichts Ungewöhnliches im Straßenbild sind und viele Häuser mit Holz beheizt werden. Der Berliner war 36 Stunden lang mit dem Nachtzug unterwegs gewesen – und hatte schon in seinem Abteil einen Rumänen kennengelernt, der begeistert von seinen Plänen war, Tipps gab und ihn prompt zum Essen einlud. In Viseu de Sus arbeitete der heute 22-Jährige ein Jahr lang in einer Schule, gab Deutschunterricht und leitete Arbeitsgemeinschaften, wie etwa eine Filmgruppe.

Als größte Herausforderung für den Berliner erwies sich dabei jedoch nicht der Kulturunterschied, sondern die Größe von Viseu de Sus mit seinen gerade mal 16000 Einwohnern. Es gab nur wenig Kulturangebote – und auf die gewohnte Anonymität der Großstadt musste Kammer auch verzichten. „Mir kam es vor, als kannten mich alle Einwohner nach ein paar Tagen“, sagt er. Kammer lebte sich schließlich so gut ein, dass es ihm schwerfiel, im Februar 2013 zurückzukehren. Selbstbewusster sei er durch diesen Aufenthalt geworden und aufgeschlossener gegenüber fremden Personen und Kulturen. Zudem hat er gelernt, sich ständig auf neue, ungewohnte Situationen einzulassen und diese zu meistern.

In Berlin hielt es ihn auch nicht besonders lange: Schon im nächsten Sommer reiste er wieder nach Viseu de Sus, begleitete Berliner Schüler auf einer Klassenfahrt, die er mitorganisiert hatte. „Ich will jetzt noch mehr jungen Deutschen dieses wunderschöne Land zeigen“, sagt Kammer.