Länderanalyse: Ghana

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung / GfK

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Vor mehr als fünfzig Jahren ist Ghana als erstes Land in Subsahara-Afrika unabhängig geworden. Heute ist es die am besten funktionierende Demokratie Westafrikas.

Auf der kleinen Landzunge, die sich vor der ghanaischen Hauptstadt Accra in den Golf von Guinea streckt, steht eine weiß leuchtende Festung. Dänen haben den Trutzbau im 17. Jahrhundert errichtet und nutzen ihn lange als Basis für den Handel mit Gold und Sklaven. Heute ist das Gebäude Amtssitz von Ghanas Präsidenten und eine beliebte Sehenswürdigkeit bei den Touristen, von denen jedes Jahr mehr in das Land strömen. Sie werden angelockt von historischen Sehenswürdigkeiten, idyllischen Stränden und afrikanischem Lebensgefühl. Dabei können sie sich vergleichsweise sicher fühlen: In Ghana liegen die Kriminalitätsraten relativ niedrig und das politische System ist einigermaßen stabil. Zwischen 2000 und 2009 hat sich die Besucherzahl denn auch auf mehr als 800.000 verdoppelt.[1] Kein westafrikanisches Land zieht mehr Touristen an als Ghana.

Das ist kein Zufall. Nachdem die ehemals britische Kolonie „Goldküste“ vor mehr als fünfzig Jahren als erstes Land in Subsahara-Afrika unabhängig geworden war, ließ Ghanas legendärer Gründungspräsident Kwame Nkrumah nicht nur Staudämme, Häfen und Straßen bauen, um den neuen Staat wirtschaftlich auf eigene Beine zu stellen. Er legte auch die Grundlagen für eine heute halbwegs funktionierende parlamentarische Demokratie. Zwar litt das Land von Mitte der 1960er bis Anfang der 1990er unter mehreren Umstürzen und Militärregierungen. Doch seitdem hat sich die Lage wieder beruhigt, und es gab – außergewöhnlich für Subsahara-Afrika, wo nach Wahlen regelmäßig Chaos und Gewalt ausbrechen – bereits mehrere friedliche Regierungswechsel.

Auch darum gehört Ghana bei den Indizes Political Stability und Rule of Law zur Spitzengruppe Afrikas. Das US-Forschungsinstitut Freedom House hat dem Land für die politischen Rechte seiner Bürger auf einer Skala, die von 1 („frei“) bis 7 („unfrei“) geht, die Note 1 verliehen.[2] Und beim Ibrahim Index of African Governance, der die Qualität von Regierungsarbeit misst, landete Ghana 2011 auf Platz 7 von 53 afrikanischen Ländern.[3] Es verfügt heute über eine halbwegs unabhängige Justiz und eine ebenso unabhängige Presse. Die Organisation Reporter ohne Grenzen etwa bewertet Ghanas Presse als „frei“ und setzt das Land auf einer Rangliste für Pressefreiheit weltweit auf Platz 27 von 178 – das ist der beste Platz für ein afrikanisches Land.[4] In Ghana mit seinen 24 Millionen Einwohnern leben zwar, wie vielerorts in Afrika, zahlreiche ethnische Gruppen nebeneinander. Aber bis auf einzelne gewaltsame Konflikte zwischen zwei Stämmen im Norden gibt es fast keine gewaltsamen ethnischen Auseinandersetzungen. Auch dies ist ungewöhnlich für Subsahara-Afrika.

BIP-Wachstum gehört weltweit zur Spitze

Dank all dieser Vorzüge gilt Ghana, das etwa so groß ist wie die britische Insel und als englischsprachiges Land von frankophonen Staaten umringt wird, als Vorzeigedemokratie Westafrikas. Ihr politisches System wird gestützt durch eine florierende Wirtschaft. Zwar ist Ghanas Volkswirtschaft absolut betrachtet noch vergleichsweise klein. Aber immerhin hat das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwischen 2005 und 2010 im Schnitt um 5,4 Prozent zugelegt. 2012 soll sich das Wachstum zwar etwas abschwächen.[5] Aber Ghana gehört weiter zur globalen Spitzenklasse und trotzt der weltweiten Wirtschaftskrise.

Dafür gibt es vor allem zwei Gründe. Das Land leidet weniger stark als viele Industrienationen unter der Krise, weil seine Wirtschaft nicht so eng mit den Weltmärkten verknüpft ist. Vor allem aber profitiert Ghana von den anhaltend hohen Preisen für Gold und Kakao. Es ist einer der größten afrikanischen Exporteure von Kakao und nach Südafrika der zweitgrößte Förderer von Gold auf dem Kontinent. Ein Drittel der Exporterlöse des Landes stammen aus dem Handel mit dem Edelmetall.[6] Weitere wichtige Exportgüter sind Tropenhölzer, Diamanten, Mangan und Bauxit.

Insgesamt hängt Ghanas Wirtschaft allerdings noch stark von der Landwirtschaft ab. Sie war von 2005 bis 2010 im Schnitt für 45 Prozent des BIPs verantwortlich und stellt aktuell mehr als die Hälfte aller Arbeitsplätze.[7] Die ghanaischen Farmer bauen Shea- oder Cashewnüsse an oder arbeiten auf Zuckerrohr-, Kaffee- oder Kakaoplantagen. Die Industrie steuerte 2010 lediglich rund 20 Prozent zum BIP bei – allerdings mit steigender Tendenz.[8] Industrieunternehmen finden sich vor allem in der Hafenstadt Tema sowie in der nahen Hauptstadt Accra. Die beiden Städte gehören zu einem urbanen Korridor, der sich 600 Kilometer entlang des Golfs von Guinea erstreckt. Er reicht von den nigerianischen Millionenstädten Ibadan und Lagos über Cotonou in Benin und Lomé in Togo bis nach Accra und treibt die Wirtschaft in der gesamten westafrikanischen Region an.

Nur wenige Großstädte

Accra hat rund zwei Millionen Einwohner, bis zu vier Millionen sind es im gesamten Großraum. Die ghanaische Hauptstadt ist eine hoch entwickelte Metropole, in der sich drei Fünfsternehotels finden, das erste moderne Einkaufszentrum Westafrikas oder das große Accra International Conference Centre, das Tagungsreisende aus ganz Afrika anzieht. Nur etwa 30 Kilometer östlich der Hauptstadt liegt die Industriestadt Tema. Noch in den 1950ern war sie lediglich ein kleines Fischerdorf. Doch seit der Eröffnung des Seehafens 1962 wuchs die Einwohnerzahl rasant und liegt heute bei ungefähr 200.000. Rund 80 Prozent von Ghanas Im- und Exporten laufen über Temas Hafen. Zudem bindet er Burkina Faso, Mali und Niger, die allesamt keinen Seezugang haben, an den Welthandel an. Der Hafen boomt, die Zahl der umgeschlagenen Container hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdreifacht.[9] Jetzt soll die Anlage tiefere Becken und neue Kais erhalten. Ringsum sitzen eine Ölraffinerie und zahlreiche Industriebetriebe, darunter die ghanaischen Niederlassungen der Konzerne Nestlé und Unilever.

Neben Accra gibt es nur eine einzige weitere Stadt mit mehr als einer Millionen Einwohnern: das rund 120 Kilometer entfernte Kumasi, Hauptstadt der zentralen Ashanti-Region. Die Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt ist das Zentrum der Goldförderung, aber auch eine Kulturstadt. Zahlreiche Museen und historische Sehenswürdigkeiten gedenken hier der glorreichen Zeit des Ashanti-Königreichs, eines der einflussreichsten präkolonialen Staaten Afrikas, der den britischen Kolonialherren bis ins 19. Jahrhundert erbitterten Widerstand geleistet hatte.

Je weiter man von tropischen Küstenregionen und den Grassteppen der Ashanti-Region nach Norden reist, desto ärmer, ländlicher und dünner besiedelt wird das Land. In den trockenen Hochebenen des vorwiegend muslimischen Nordens an der Grenze zu Burkina Faso trägt der Wüstenwind Harmattan regelmäßig roten Staub aus der Sahara heran. Hier leben noch viele Menschen als Subsistenzfarmer. Die Gegend ist kaum in der Lage, sich selbst zu versorgen, und immer wieder abhängig von Nahrungsmittelhilfe.

Auch demografisch ist Ghana zwischen Nord und Süd gespalten. Im Landesschnitt lag etwa die Säuglingssterblichkeit zwischen 2005 und 2010 mit rund 50 pro 1000 lebend Geborenen relativ niedrig. Zum Vergleich: In Nigeria lag der Wert im selben Zeitraum bei mehr als 96. Und auch die Geburtenrate ist mit vier Kindern vergleichsweise gering für ein Land Subsahara-Afrikas – nachdem sie noch 1988 bei 6,4 Kindern gelegen hatte.[10] Allerdings dürfte sich das Bevölkerungswachstum künftig nur geringfügig weiter verlangsamen, denn lediglich ein Viertel der verheirateten Frauen verwendet Verhütungsmittel.[11] Vor allem im unterentwickelten Norden wächst die Bevölkerungszahl überproportional: Sie legte etwa in der Provinz North zwischen 2000 und 2010 um 35,6 Prozent zu.[12] Das ist mehr als im selben Zeitraum im zentralen Accra, wo das Wachstum zu größeren Teilen aus Zuzug stammen dürfte. In der North-Provinz sind denn auch 15,4 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren unterernährt – im Gegensatz zu nur 2,5 Prozent der Unter-Fünfjährigen in Accra.[13]

Infrastruktur bremst die Entwicklung

Die hohen Wachstumszahlen beim BIP sollten denn auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Ghana insgesamt betrachtet immer noch einer der ärmsten Agrarstaaten der Welt ist. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass der Staatshaushalt zu rund einem Drittel von ausländischer Hilfe abhängt.[14] Fünf Prozent der Bevölkerung waren noch 2008 unterernährt, ein Drittel der Erwachsenen konnte nicht lesen und schreiben.[15] Dank des wirtschaftlichen Höhenflugs nimmt der Wohlstand in Ghana zwar zu. So ist die Zahl der Autoeigentümer und Motorradfahrer zwischen 2009 und 2011 um 81 Prozent angestiegen.[16] Doch der wachsende Wohlstand macht sich vor allem in den südlichen Küstenregionen bemerkbar. Der Norden bleibt dagegen ein Problemfall. Hier wuchs die Zahl der sehr Armen in den vergangenen zwei Jahrzehnten um eine Million, während im Rest des Landes rund 2,5 Millionen Menschen der größten Armut entkommen konnten.[17] Auf breiter Ebene hat sich also das starke BIP-Wachstum bislang noch nicht in mehr Jobs und bessere Ausbildungen sowie in eine solidere Infrastruktur niedergeschlagen.[18]

Vor allem letztere bremst die wirtschaftliche Entwicklung im gesamten Land. So sind nur die wenigsten Fernstraßen geteert, abseits davon finden sich vor allem Schotter- und Schlaglochpisten. Zwar nutzen immerhin sieben von zehn Ghanaern Mobiltelefone, deren Netze in weiten Teilen des Landes verfügbar sind.[19] Aber der Anteil der Bevölkerung, der regelmäßig im Internet surft, liegt mit gerade mal 8,4 Prozent unter dem Durchschnitt Afrikas von 13,5 Prozent.[20] Der Grund: Viele Ghanaer haben schlicht keinen Zugang zu internetfähigen Computern. Die ghanaische Regierung schätzt denn auch, dass sie zehn Jahre lang jährlich 1,6 Milliarden US-Dollar in die Hand nehmen müsste, um die Infrastruktur auf Vordermann zu bringen.[21]

Immerhin hat Ghana Aussicht darauf, dass der nach wie vor defizitäre Staatshaushalt in den nächsten Jahren ausgeglichen wird. Denn 2007 hat ein US-amerikanisches Unternehmen vor der Küste Öl entdeckt. Die Förderung ist bereits angelaufen – und ein weiterer wichtiger Grund für das rasante Wirtschaftswachstum im Land. Das „Jubilee“ getaufte Feld gibt nun Anlass zu großen Hoffnungen. Jüngst ausgegebene Staatsanleihen waren sogar überzeichnet.[22] Die ghanaische Regierung setzt darauf, dass dank der Öl-Einkünfte Pro-Kopf-Einkommen und Binnennachfrage deutlich anziehen und neue Arbeitsplätze entstehen. Damit das auch klappt, will man, zumindest offiziellen Verlautbarungen zufolge, nicht die Fehler Nigerias und Angolas wiederholen, wo die Gewinne aus der Ölförderung vor allem einer kleinen Minderheit zugute kommen.

Um eben dies zu verhindern, hat das ghanaische Parlament 2010 ein spezielles Öl-Gesetz beschlossen. Es verfügt, dass ein Großteil der Gewinne in Infrastrukturmaßnahmen, Bildung und das Gesundheitssystem gesteckt werden soll. Kleinere Anteile gehen in einen „Stabilisierungsfonds“, der Schwankungen des Ölpreises ausgleichen soll, sowie in einen Rücklagen-Fonds für die Zeit nach dem Ende der Ölgewinnung.[23] Dies könnte früher als erhofft notwendig werden: Das Ölfeld soll vergleichsweise klein sein und nur einen Bruchteil etwa der nigerianischen Vorkommen ausmachen.[24] Schon nach einer Generation, so mutmaßen Experten, könnte der Mini-Ölboom wieder vorbei sein. Dann wird sich zeigen, wie weit sich die Regierung an die Gesetze gehalten und das Geld benutzt hat, um eine Wirtschaft aufzubauen, die nicht mehr vor allem von Rohstoffen abhängt.


[1] World Bank (2010): International Tourism, Number of Arrivals. http://data.worldbank.org/indicator/ST.INT.ARVL (abgerufen am 16.02.2012).

[2] Freedom House: Freedom in the World 2011 – Ghana. http://expression.freedomhouse.org/ar/node/14602 (abgerufen 16.02.2012).

[3] Mo Ibrahim Foundation: Ghana ranks 7th out of 53 countries in latest assessment of African governance. http://www.moibrahimfoundation.org/en/pressrelease/media-centre/press-releases/ghana-ranks-7th-out-of-53-countries-in-latest-assessment-of-african-governance.html (abgerufen am 16.02.2012).

[4] Reporter without Borders: World Report – Ghana. http://en.rsf.org/report-ghana,19.html(abgerufen 16.02.2012).

[5] Culzac, Natasha: Ghana: top für GDP growth in 2011. In: Financial Times, 19.09.2011.

[6] Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (2012): Ghana – Zusammenarbeit. http://www.bmz.de/de/was_wir_machen/laender_regionen/subsahara/ghana/zusammenarbeit.html (abgerufen am 16.02.2012).

[7] World Bank (2011): African Development Indicators. http://data.worldbank.org/data-catalog/africa-development-indicators (abgerufen am 16.02.2012).

[8] World Bank (2011). Ghana: Country Brief. http://go.worldbank.org/QAKWTY7640 (abgerufen 16.02.2012).

[9] Goos, Hauke (2011): Angriff der Fischstäbchen. In: Spiegel Nr. 16, 18.04.2011, S. 106.

[10] Ghana Statistical Service (2009): Ghana Demographic and Health Survey 2008. April 2009.

[11] Population Reference Bureau (2011): Ghana – Highlights. http://www.prb.org/DataFinder/Geography/Data.aspx?loc=262 (abgerufen am 16.02.2012).

[12] Ghana Statistical Service (2011): 2010 Population and Housing Census. 03.02.2011.

[13] Ghana Statistical Service (2009): Ghana Demographic and Health Survey 2008. April 2009.

[14] Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (2012): Ghana – Zusammenarbeit. http://www.bmz.de/de/was_wir_machen/laender_regionen/subsahara/ghana/zusammenarbeit.html (abgerufen am 16.02.2012).

[15] Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (2012): Ghana – Informationen zum Land. http://www.bmz.de/de/was_wir_machen/laender_regionen/subsahara/ghana/profil.html (abgerufen am 16.02.2012).

[16] African Development Bank (2011): Middle of the Pyramid: Dynamics of the Middle Class in Africa. Tunis.

[17] World Bank (2011): Ghana Looks to Retool Its Economy as it Reaches Middle-Income Status. http://go.worldbank.org/A4V7N0YAL0 (abgerufen am 16.02.2012).

[18] De Freytas-Tamura, Kimiko: Ghana: almost a star. In: Financial Times, 15.12.2011.

[19] Rohwetter, Marcus (2011): Der letzte Zukunftsmarkt. In: Die Zeit Nr. 45. 03.11.2011.

[20] Internet World Stats: Internet Usage Statistics for Africa, http://www.internetworldstats.com/stats1.htm (abgerufen 16.02.2012).

[21] World Bank (2011): As Ghana Grows, Demand for Water Follows. http://go.worldbank.org/FQEKX1E500 (abgerufen am 16.02.2012).

[22] World Bank (2011): Ghana Looks to Retool Its Economy as it Reaches Middle-Income Status. http://go.worldbank.org/A4V7N0YAL0 (abgerufen am 16.02.2012).

[23] Grove, Sophie (2011): Well Oiled – Accra. In: Monocle, Ausgabe 50/2011, S. 65.

[24] N.N.: Ghana and its oil – Dangerously hopeful. In: The Economist, 30.12.2009.