Reportage: Ein Körper aus Nebel, eine Aura aus Licht

Science Notes

In einem Labor im spanischen Santiago de Compostela habe ich das Reich der Toten betreten – und bin verändert zurückgekehrt. Ein Selbstversuch

Der Tag, an dem ich fast sterben soll, beginnt grau. Wie könnte es anders sein. Über dem Haus, in dem ich die Nacht verbracht habe, kreisen Möwen und schreien. Die Straße runter schlägt träge die Turmuhr der fast 1.000 Jahre alten Kathedrale. Es ist an der Zeit. Ich stehe auf, ziehe mir etwas Ordentliches an und mache mich auf den Weg durch diese steinschwere Stadt in der nordwestlichsten Ecke Spaniens.

Am Vorabend hatte ein Mann im Schatten eines Torbogens Dudelsack gespielt. Sein Gesicht war nicht zu erkennen, aber seine Musik verfolgte mich durch die Nacht. Jetzt am Morgen ist kaum eine Menschenseele zu sehen. Es ist kühl, vom nahen Atlantik wehen noch Nebelreste vorbei. Die Dämmerung zeichnet auf die Fassaden der mittelalterlichen Häuser verschnörkelte Jakobskreuze und die Muschelzeichen der Pilger:innen, die nach Tagen und Wochen auf der Suche nach sich selbst hier ankommen. Santiago de Compostela, abgelegen am Rande Europas, ist vermutlich ein guter Ort, um das Sterben auszuprobieren. Nicht nur wegen der Pilger:innen, die ihren Gott und sein Jenseits im Gepäck haben. Hier kennt man sich grundsätzlich damit aus, wenn etwas zu Ende ist, denn ab hier kommt erst mal sehr lange nur noch Wasser. Und wie überall, wo die Welt endet, sind die Leute hier sparsam mit Worten. Sie schauen einem dafür lange in die Augen.

Am Rande der Altstadt steige ich hinab in ein Kellerlabor. Dort riecht es nach Gummi und Metall, die Wände sind mit schwarzen Vorhängen verhüllt, unter der Decke ein großes Stahlgestell mit Sensoren und Scheinwerfern, auf dem Boden Koordinaten und Markierungen, mittendrin fünf Stühle in einem Kreis. Einige Labormitarbeitende gehen schweigend umher und bereiten alles vor. Ich lasse mich ebenso schweigend zusammen mit vier anderen Menschen nieder. Nehme die Geräte in die Hand, die meine Bewegungen verfolgen. Setze die große, schwere Brille auf. Rücke sie gerade. Aktiviere sie. Erst sehe ich die anderen Menschen um mich herum noch wie durch einen Schleier. Dann verschwinden sie. Verschwindet der Raum. Verschwindet die Welt.

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David Glowacki ist auch schon einmal fast gestorben. Auf einer Wanderung durch die Wildnis, vor 20 Jahren. Der US-Amerikaner war mit seiner damaligen Partnerin unterwegs, als er von einem Fels stürzte. Beim Aufschlag brach er sich Knochen überall im Körper. Während sich die Frau auf den zwei Stunden langen Weg ins nächste Dorf machte, um Hilfe zu organisieren, blieb er auf dem Rücken liegend allein zurück. In dieser Zeit sickerte Blut in seine Lungen, wodurch er langsam erstickte. Doch da war er schon gar nicht mehr vollständig in seinem Körper: »Ich hatte das Gefühl, dass sich mein Bewusstsein abspaltete und dann langsam um meinen Körper kreiste«, berichtet Glowacki: »Das Bewusstsein schien nicht zu verschwinden, sondern sich vielmehr zu wandeln – es wurde weniger fest gebunden und verteilte sich stärker und vermischte sich mit allem anderen.« Während er auf diese Weise langsam in der Welt versickerte, verspürte er keine Angst, sondern einen tiefen Frieden. Und Neugier auf das, was kommen würde.

Doch die Partnerin schaffte es rechtzeitig. Ein Hubschrauber landete. Glowacki wurde zurückgeholt. Was er erlebt hatte in diesen Stunden allein in der Wildnis, konnte er hinterher nicht einordnen. Er war nicht in der Lage, es jemandem nachvollziehbar mitzuteilen. Er hatte gar keine Worte dafür. Daher sprach er lange überhaupt nicht darüber. Heute weiß er:

Es war ein Nahtoderlebnis.

Wenn man ihn jetzt trifft, wirkt David Glowacki, 45 sehr lebendig. Typ Langstreckenläufer, schlaksig, mit wuscheligem Haar und jungenhaftem Grinsen, ein funkensprühender Über-alle-Disziplinen-Denker, der gern unvermittelt laut lacht. Er hat Chemie und Mathematik studiert, aber auch Philosophie, vergleichende Literaturwissenschaft und Religionswissenschaft. Seinen Doktor machte er schließlich in computergestützter Molekularphysik. Heute bezeichnet er sich offiziell als »fachübergreifenden Forscher, Künstler, Autor und Aktivisten«. »Ich nenne mich lieber ›Künstler‹ denn ›Wissenschaftler‹, weil ich als Künstler die Freiheit habe, auch wissenschaftliche Methoden zu nutzen – während Naturwissenschaft fast immer zu fokussiert und standardisiert für künstlerische Techniken ist«, erzählt er in seinem Büro.

Das befindet sich an der Universidade de Santiago de Compostela im zweiten Stock des Centro Singular de Investigación en Tecnoloxías Intelixentes (CiTIUS), dem örtlichen Forschungszentrum für intelligente Technologien. Unter dem Dach dieses Technologie-Hubs hat Glowacki eine zehnköpfige Forschungsgruppe gegründet, die per Virtual Reality (VR) Felder erkundet, auf denen sich Wissenschaft, Ästhetik, Technologie und Spiritualität überlappen. Er hat die Einrichtung Intangible Realities Laboratory getauft – abgekürzt: IRL. Ein Nerdwitz, weil das auch die Abkürzung für »In Real Life« ist, dem Gegenteil von virtuellen Welten. Lange Jahre hat der Molekularphysiker vor allem erforscht, wie sich Modelle von komplexen Molekülen mit VR-Technologien darstellen und virtuell umbauen lassen, um auf diese Weise neue Chemikalien zu konzipieren. Doch irgendwann kam er auf die Idee, sein Nahtoderlebnis mit der Technologie nachzustellen – und so auch die überraschend positiven Gefühle, die damit verbunden waren, mit anderen zu teilen.

Das Ergebnis nennt er Numadelic VR. Der Name beinhaltet die altgriechischen Wörter »pneuma«, »Geist«, und »delein« für »offenbaren«. In »numadelischer VR« werden menschliche Körper abstrahiert als Lichtenergie-Ballungen dargestellt anstatt als feste Objekte. Die Wortneuschöpfung soll diese Herangehensweise von dem Begriff »psychedelisch« absetzen, der mit reichlich kulturellem Ballast beladen ist, weil er schnell an Drogenspäßchen aus den wilden 1970ern denken lässt. Doch die Erfahrungen ähneln sich.

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Ich schwebe in einem endlosen, undefinierbaren Raum. Über mir funkeln Sterne. Vor mir, wo einmal der Boden war, leuchtet ein Mandala – vielleicht, damit ich im Nichts nicht ganz die Orientierung verliere. Ich blicke an mir herab. Ich bin eine gasförmige Wolke, die vage einem menschlichen Umriss ähnelt. Dort, wo bei einem Menschen das Herz sitzen würde, schwebt eine ruhig pulsierende Kugel. Mein Energierauch verwirbelt nicht, wenn ich dagegen puste. Aber wenn ich mich bewege, wehen Gasfetzen in der Dunkelheit davon. Was einmal mein Körper mit seinen festen Grenzen war, ist nun fluide und durchlässig geworden. Wo sich einst meine Hände befanden, leuchten zwei kleinere Energiepunkte. Bei Bewegungen ziehen sie blaue Leuchtschnüre hinter sich her.

Mir gegenüber sehe ich die virtuellen Repräsentationen der anderen Teilnehmenden, mit denen ich eben noch im Labor auf Stühlen saß. Auch sie sind zu Gas geworden, wabernde Gebilde ohne feste Körper. Wir existieren nun alle in derselben Form, es gibt keine Hierarchien oder sozialen Codes mehr, keine Sympathien oder Abneigungen. Nur der Geruch unserer Körper kommt aus der Realität zu mir, und manchmal kann ich die anderen irgendwo da draußen noch atmen hören oder wie sie auf ihren Stühlen herumrutschen. Wir leben noch, aber unser Ende naht.

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Veränderte Bewusstseinszustände sind ausgiebig und durchaus seriös erforscht, mit erprobten Evaluationsmethoden und Messinstrumenten. Einige der etablierten Fragebögen aus der Psychedelika-Forschung wendeten die Forscher:innen in Santiago de Compostela auf Glowackis VR-Konzept an. Nutzer:innen berichteten danach von wahrgenommener Ego-Auflösung sowie von Gefühlen von universaler Verbundenheit und innerem Frieden – vergleichbar mit Erfahrungen nach der Einnahme von 0,1 Milligramm LSD. Das ist etwas mehr, als ein regulärer Trip im Durchschnitt enthält. Auch ein Nahtoderlebnis in Numadelic VR ist eine selbsttranszendente Erfahrung, bei der das lästige Ego in die Schranken gewiesen wird.

Seit März 2025 erprobt Glowacki Numadelic VR in der Therapie von unheilbar kranken Patient:innen. Dafür kooperiert er mit Palliativ-Mediziner:innen sowie der Onkologie-Abteilung der örtlichen Uniklinik. In kleinen Gruppen nähern sich die Patient:innen virtuell dem Tod an, samt begleitender Wirksamkeitsforschung. Das gemeinsame Erlebnis, so Glowackis Forschungshypothese, soll den Kranken helfen, die Angst vor dem Sterben zu überkommen. Denn sie können erfahren, dass viele Menschen in dieser Lage Ähnliches erleben – und wie positiv sich dieses Erlebte anfühlen kann. In einem Forschungsstatement schreiben Glowacki und sein Team, angesichts alternder Gesellschaften könne das Projekt zu Diskussionen darüber anregen, »wie es ist zu leben, und wie es ist zu sterben.«

Mit seinem Projekt reiht sich Glowacki ein in Jahrzehnte naturwissenschaftlicher und philosophischer Forschung zu Nahtoderfahrungen. Das erste Buch zum Thema, Life After Life, veröffentlichte 1975 der US-amerikanischen Philosoph und Psychiater Raymond A. Moody Jr. Darin beschrieb er Nahtoderfahrungen, die mitunter bei lebensbedrohlichen körperlichen Zuständen auftreten. Ähnliche Auswirkungen können aber auch Isolation mit Sinnesdeprivation, schwere Depressionen oder tiefe Meditation haben. Im Jahr 1983 stellte der US-Psychiater Bruce Greyson eine Liste mit 16 Nahtod-Merkmalen zusammen. Dazu gehören das Gefühl von Einheit mit dem Universum, ein intensives Licht um einen herum oder außerkörperliche Erfahrungen, bei denen man von oben auf den eigenen Körper schaut.

Dieser Körper am Rande des Todes wird dann oft als Nebel, Wolke, Dunst oder Lichtkranz wahrgenommen.

Die Erlebnisse ähneln sich weltweit – unabhängig von Bildung, kulturellem Hintergrund oder Religiosität.

Die Neurowissenschaft vermutet, dass dafür Funktionsstörungen des Gehirns verantwortlich sind, und zwar im temporoparietalen Übergang. Diese Region verknüpft die Informationen unterschiedlicher Sinne, um ein stabiles Gefühl für den eigenen Körper im Raum zu erzeugen. In Ausnahmesituationen oder auch bei gezielter Stimulation des Areals finden diese Signale nicht mehr zusammen – und das Eigenbild des Körpers zerfällt. Manche Forschende gehen zudem davon aus, dass das Gehirn beim Sterben große Mengen der psychedelisch wirkenden Substanz DMT freisetzt. Auch dies könnte mitverantwortlich für die oft beschriebenen Phänomene sein.

Rund fünf Prozent aller Menschen sollen schon mal eine echte Nahtoderfahrung gemacht haben. Wie er selbst wüssten viele Betroffene allerdings gar nicht, was ihnen widerfahren sei, sagt David Glowacki. Oder sie fänden nicht die Worte, um es anderen Menschen zu beschreiben. Daher sei die Dunkelziffer hoch. Die Folgen aber sind meist einschneidend. Wer einmal die Grenze zum Totenreich überschritten hat, kehrt nicht als dieselbe Person zurück. Viele Betroffene berichten davon, dass sie nun größere Toleranz gegenüber anderen verspürten und eine generell positivere Lebenseinstellung. Andere finden zu Gott oder sehen in den früheren Sorgen und Routinen des Alltags nur mehr Belanglosigkeiten. Manche verlieren sogar die Verbindung zu ihren Familien und Ehepartner:innen. Und fast alle haben die Angst vor dem Tod verloren.

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Ich atme ein, ich atme aus. Jedes Mal, wenn die Luft aus mir entweicht, fliegt ein Teil meiner Energie in die sternenfunkelnde Dunkelheit hinaus und zerstiebt dort. Und mit jedem Atemzug wird mein Licht schwächer. Und schwächer. Und schwächer. Irgendwann werde ich mich vollends verteilt haben. Ich bin wie feste Materie, die zu einer Flüssigkeit schmilzt und sich dann in noch mehr Flüssigkeit ringsherum verteilt. Mir wird klar, dass ich dann nicht etwa verschwunden sein werde. Sondern eins geworden mit allen und allem.

Den anderen geht es genauso: Ich kann sehen, wie auch sie weniger werden. Natürlich sind wir mehr als nur unsere Körper. Und wir sind auch mehr als nur Individuen. Gefühle von Verbundenheit mit etwas Größerem durchströmen mich. Gleichmut, Wärme, Frieden. Ich lasse los.

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Mehr als 1.000 Menschen weltweit aus den unterschiedlichsten kulturellen und religiösen Hintergründen haben Numadelic VR ausprobiert, weil sie entweder todkrank oder schlicht neugierig waren, berichtet David Glowacki. Schon mehrmals seien im Anschluss Leute zu ihm gekommen und hätten begeistert erzählt, dass sie an diesem Ort schon mal gewesen sind – weil sie psychedelische Drogen genommen hatten, weil sie erfahrene Meditierende waren oder weil sie eben eine echte Nahtoderfahrung hinter sich haben. Bei den Sitzungen werden unter anderem die Vitalzeichen der Teilnehmenden gemessen, anschließend erhalten sie Fragebögen. Ergebnisse dieser Forschung sind noch nicht veröffentlicht. Aber die ersten Daten sind Glowacki zufolge vielversprechend: Bei Auswertungsgesprächen haben todkranke Patient:innen hinterher erklärt, durch die virtuelle Nahtoderfahrung hätten sie eine gelassene und friedliche Einstellung zum Tod gewonnen. Sie spürten mehr Akzeptanz und weniger Unbehagen. Und sie hätten mit Familienmitgliedern und Freund:innen über ihr Ende gesprochen, entspannt und ruhig.

Um mit den Patient:innen über den Tod und das Sterben zu sprechen, nutzt der Physiker Glowacki Ideen der Quantenmechanik. Denn die könnten Wissenschaft und Spiritualität vereinen, wie er sagt. »In vielen religiösen Traditionen gibt es die Vorstellung, dass es eine physische Realität und gleichzeitig eine spirituelle oder energetische Realität gibt«, erklärt er. Die Quantenmechanik beschreibe physische, materielle Objekte als Energiewellen, wodurch die Trennung zwischen Materiellem und Immateriellem verwischt werde. Gegen Ende seines Lebens erklärte etwa der Quantenphysiker und Philosoph David Bohm: »Masse ist ein Phänomen der Verbindung von hin und her fließenden Lichtstrahlen, als würde man sie zu einem Muster erstarren lassen.« Materie sei quasi gefrorenes Licht.

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Ich warte, das Programm scheint vorbei zu sein. Ich sehe nichts mehr. Während ich kurz unsicher bin, ob meine Augen gerade geöffnet oder geschlossen sind, denke ich: Mit Physik lässt sich auch wissenschaftlich erklären, warum der Tod vermutlich kein Ende ist, sondern ein Übergang. Schließlich kann Energie nicht verschwinden, sie ändert lediglich ihre Form. Dann taucht hinter der virtuellen langsam die reale Realität wieder auf. Die Brille gibt mir meinen Körper zurück, meine Hände vor meinem Gesicht, meine Beine, die sich vor mir ausstrecken. Auch die anderen aus der Gruppe strecken sich auf ihren Stühlen. Niemand spricht. Mehr als eine Stunde ist vergangen. Es fühlte sich an wie zehn Minuten.

Während ich die Brille vom Kopf ziehe, wird es erst jetzt kurz emotional für mich. Meine Kehle schnürt sich zu, ich zittere ein wenig. Ich bin gerade fast gestorben. Aber wieder zurückgekommen. Es war ein Sterben ohne Belastung für mich oder mein Umfeld: keine körperlichen Schmerzen, keine trauernden Freund:innen und Verwandte, ich werde meinen Kindern weiter beim Aufwachsen zusehen können. Aber es war lehrreich. Der Tod steht wirklich ausnahmslos jedem Menschen bevor, das war mir zwar schon vorher klar. Natürlich sollte man nicht jeden Tag mit Gedanken daran füllen. Doch die Medizin in Industrieländern ist so weit fortgeschritten, dass man das Thema auch bis zum letzten Moment verdrängen kann.

Nur: Wenn einem die eigene Sterblichkeit zumindest latent bewusst ist, denke ich, dann lebt man intensiver, bewusster und auch in vielerlei Hinsicht gelassener. Ich kehre dem schwarzen Keller den Rücken, steige ein Treppenhaus hinauf, trete vor die Tür. Draußen scheint jetzt die Sonne durch grüne Bäume. Autos fahren an mir vorüber, Menschen laufen vorbei, reden miteinander, lachen. Das Leben geht weiter. Vorerst.