Ein mythischer Ort, ganz real

Riddim Magazin

Wie jedem popkulturell interessierten Menschen erschien mir Jamaica schon aus der Ferne betrachtet randvoll aufgeladen mit Symbolik, Bedeutung und Legenden. Dank all der Musik, Bücher und Filme hatte ich sogar das Gefühl, das Land und seine Kultur schon ein bisschen zu kennen. Bei einer ersten Reise auf die Insel aber war ich trotzdem überrascht und überwältigt. Eine Reportage von einer Menschheitsstätte voll tiefer Kultur.
Flecken im Blau – Anflug über karibische Inseln auf Jamaica

Einmal durch die Passatwinde gerumpelt, und plötzlich sehe ich beim Blick aus meinem Flugzeugfenster im Tiefblau des Meers türkisfarbene Flecken. Manche davon sind so hell, dass sie zu leuchtendem Weiß durchbrechen. Werden sie etwas größer, sind sie in der Mitte oft palmgrün gepunktet. Auf den noch größeren kann ich zwischen dem Grün irgendwann das Rostrot von Wellblechdächern ausmachen. Und schließlich zerteilen die geraden Linien von Straßen die weiß-grüne Landschaft, dazu Felder, Parkplätze, Bootsanleger, Hafenanlagen.

Schon der Anflug auf Jamaica über die vielen erst kleinen, dann immer größeren Inseln der Karibik ist ein sich steigerndes Farbspektakel. Ganz besonders nach dem langen Reizentzug in der Flugzeugröhre, in der es je nach Stand des Winds zehn bis elf Stunden quer über den Atlantik geht. Aber wird es sich für mich anfühlen, zum ersten Mal auf diese Insel zu kommen, die Kultur und Natur hier zu erleben? Was gibt es hier zu erfahren und zu beachten und bestimmt auch zu genießen? Als popkulturell interessierter Mensch habe ich das Gefühl, diesen Ort aus zahllosen Songs, Büchern und Filmen schon ein bisschen zu kennen. Er fühlt sich überraschend nah an. Zugleich aber auch sehr fern – nicht nur, von Europa aus betrachtet, geografisch, sondern auch kulturell. Und für jemanden wie mich, der mit viel Erwartung zum ersten Mal hierher kommt, ist er noch dazu bis zum Bersten aufgeladen mit Symbolik, Bedeutung und Legenden.

Dann quietschen Reifen, klatschen ein par Touris, öffnen sich Türen, und herein bricht eine Sinnesüberladung aus Licht und Farben, Gerüchen und Sounds. Mit ihr wird dieser mythenumrankte Ort schlagartig auch profane Realität: Grenzbeamtinnen, Lautsprecherdurchsagen, Leuchtreklamen, schwüle Luft, sehr viele Menschen, alles ein bisschen gedämpft durch meinen leichten Jetlag-Nebel. Aber dieser Ort ist nicht nur banal, wie ja jeder reale Ort auf der Welt immer auch banal ist. Sondern zugleich, das werde ich in den kommenden Tagen erfahren, so tiefgründig, als sei er mit einem unsichtbaren Band verbunden mit dem ganz grundsätzlich Menschlichen, das weit zurück in unserer Historie beginnt. Tiefe Kultur, wie wohl an nur wenigen anderen immer noch lebendigen Orten der Welt, Jerusalem vielleicht oder Äthiopien oder einige spirituelle Stätten in Indien.

Tanzende grüne Gespenster

Die Einreise am Flughafen verläuft digitalisiert schnell, mein Gepäck ist zügiger auf dem Band als an so manch zähem Tag am Berliner Flughafen. Dann einmal kurz durchatmen, und schon geht es auf dem Highway T3 quer über die Insel nach Süden, vorbei an wechselnden Panoramen aus Landschaften – von trockenen Plateaus voller Kakteen, die sich auch in einem Western gut machen würden, bis zu Regenwäldern aus verrenkten, sich bizarr verästelnden und wieder überwachsenen Bäumen, die mit ihrem Blätterumhang aussehen wie tanzende grüne Gespenster. Immer wieder im Hintergrund dieses fototapetenhafte Arrangement aus weißem Strand und türkisblauem Meer. Und im Vordergrund ziehen in scharfem Kontrast dazu vielerorts auch gebeutelte Straßenschilder, abgedeckte Häuser, zerfledderte Palmen und umgeschmissene Laternen vorbei – Spuren des letzten Hurricanes Melissa 2025.

Auf einer Hochebene in der Mitte der Insel weht von einer Wunde in der Landschaft rostroter Staub über die Fahrbahn. Hier wird das Aluminiumerz Bauxit abgebaut – das wirtschaftlich gesehen wichtigste Exportgut der Insel, noch vor Zucker, Rum, Kaffee oder Kultur. Ich denke beim Blick aus dem Auto: Diese Branche mit ihren Naturverhehrungen und ihrem mörderischen Energiehunger ist krass auf Kollisionskurz zur ebenfalls enorm wichtigen Tourismusindustrie, deren Kund:innen ja am liebsten unversehrte tropische Paradiese sehen möchten. Und natürlich auch zu dem ganzheitlichen Naturdenken von Rastafari, das die gegenwärtige Welt als göttliches Werk wertschätzt und bewahren will.

Aber es ist ja auch lange nicht jede:r Jamaikaner:in Rasta. Oder genauer gesagt: Es sind gar nicht mal so viele. Nach Schätzungen praktiziert gerade mal etwas mehr als ein Prozent der Bevölkerung den Glauben. Dazu kommen noch viele Menschen mit Dreads aus Style-Gründen, was die Angelegenheit dann größer aussehen lässt, als sie ist. Daher ist auch der eigentlich ja legale Ganjakonsum bei weitem nicht überall gern gesehen, beziehungsweise: gerochen. Die ganz überwiegende Mehrheit der Jamaikaner:innen ist jedenfalls konservativ christlich. Sie hat mit Rasta und Weed nichts am Hut und arbeitet hart in ganz normalen Jobs als Büroangestellte und Supermarktverkäufer, Arzt, Ingenieurin oder Automechaniker.

Widerhall der Geschichte

Insgesamt leben auf der Insel gerade mal knapp unter drei Millionen Menschen, also weniger als in der deutschen Hauptstadt. Angesichts seiner globalen Bedeutung vor allem bei Musik und Leichtathletik gilt Jamaica als die – an der Bevölkerung gemessen – weltweit kleinste kulturelle Supermacht. Aber eben eine Supermacht, und damit quasi auf demselben Level wie die USA oder Frankreich. Darauf, das merke ich schnell, ist man vor Ort stolz, und das zu Recht. Ebenso auf die eigene raue Historie, in der Jamaikaner:innen mehrmals für Freiheit und Selbstbestimmung aufgestanden sind, am Ende erfolgreich. Das geschichtliche Echo der Sklavenplantage voller Grausamkeiten, des Piratennests mit seinen eigenen Gesetzen oder der ersten anerkannten Siedlungen freier Ex-Sklav:innen lese ich auf der Landkarte noch in Ortsnamen wie Spanish Town, Gun Cay oder Accompong.

Angesichts seiner Erfolge gegen alle Widrigkeiten geht Jamaica durch die Welt mit Swagger und Style, aber auch mit einiger Last auf den Schultern. Der allgemeine Umgangston vor Ort ist selbstbewusst, scharfzüngig, geradeaus  – und zugleich humorvoll, herzlich sowie grundsätzlich positiv. Eine Mischung, mit der einem als Besucher jedenfalls nicht langweilig wird. Ein kleines Schwätzchen wird fast überall erwartet, und Gespräche sind gespickt mit Bekundungen, dass man sich gegenseitig wahrnimmt und achtet, viel „Blessing“ und „Respect“. Auch britisch höfliche Umgangsformen sind in der ehemaligen Kolonie des Vereinigten Königreichs an vielen Stellen angebracht. Dazu passt, dass die beliebteste Sportart im Land Cricket ist und die Flagge inspiriert von der schottischen sein soll, nur halt ein bisschen farbenfroher. Das Schwarz-Grün-Gelb ist wirklich überall zu sehen, Jamaikaner:innen sind ohne Rückhalt patriotisch.

All das erinnert mich an eine weitere ehemalige britischen Kolonie auf der anderen Seite des Atlantiks: an Südafrika, wo ich mal eine Zeit gelebt und gearbeitet habe. Ähnlich wie dort treffen in Jamaica der globale Norden und der globale Süden mit ihren sehr unterschiedlichen Eigenarten und Verhaltensweisen, Ansprüchen und Möglichkeiten direkt aufeinander. Auf der einen Seite gibt es in vielen Teilen der Insel klimatisierte Shopping Malls, flächendeckend schnelles mobiles Internet und trinkbares Leitungswasser. Sogar E-Autos kann man mieten und unterwegs aufladen. In anderen Teilen dagegen wohnen Menschen ohne Kanalisation in Wellblechhütten und ernähren sich hauptsächlich von Reis mit Erbsen. Und Kingston hat nicht nur eine ähnliche Geografie wie das südafrikanische Kapstadt. Es kann, genau so wie die Stadt in Südafrika, im Dunkeln in manchen Ecken auch aussehen wie eine europäische Provinz-Kleinstadt, mit ihren Häuschen samt Gartenzaun, Kreisverkehren und Straßenlaternen. Mit – zumindest offiziell – gerade mal 650.000 Einwohnenden ist das ja tatsächlich keine große Stadt.

Fast zu Tode geknuddelt

Nicht nur in Kingston bekomme ich Reggae auf der Insel nonstop zu hören. Selbst in den All-Inclusive-Ressorts an der Nordküste, wo sich sonst vor allem Tourist:innen aus Nordamerika mit Flatrate-Deals volllaufen lassen, tönt ständig irgendwo ein klassischer Riddim. Aber er weht auch aus dem Tal herauf, vielleicht von einem Dance unten im Dorf. Er wischt aus vorbeifahrenden Auto an mir vorbei. Oder es summt irgendwo irgendwer ein paar Zeilen aus einem Bob-Marley-Klassiker. Aber auch von kleineren Roots-Tunes oder aktuellen Dancehall-Trap-Krachern scheinen alle um mich herum die Lyrics auswendig zu kennen. Reggae und Dancehall stecken in jeder Faser der Gesellschaft und verbinden die Menschen, wie es in Deutschland vielleicht zuletzt deutschsprachige Beatschlager in den 1950ern geschafft haben.

Die letzten Spuren des ehemals gigantischen Outputs an Vinylschallplatten auf der Insel begegnen mir auch heute noch an vielen Orten: als Dekoration in der Lobby-Sitzecke der US-amerikanischen Hotelketten-Filiale ebenso wie in der Auslage der kleinen Handvoll ehemals legendärer Plattenläden in Kingston, die ihre Lagerreste heute vor allem an Tourist:innen verkaufen und deren Bestände inzwischen entsprechend abgegrast sind.

Aber das ist natürlich nicht die einzige Form, in der man Reggae als Andenken mit nach Hause nehmen kann. Überall gibt es haufenweise Reggae-Krempel zu kaufen, von Nackenkissen mit Bobs Konterfei bis zu rot-gelb-grünen Socken mit einem Weed-Blatt. Im Supermarkt winken mir „Reggae“-Süßigkeiten entgegen, am Straßenrand stehen Werbetafeln für „Reggae“-Autoversicherungen, im Radio wirbt sogar Burger King mit einem Riddim. Ich denke: Babylon absorbiert auch die Righteousness und verkauft sie abgepackt an die Massen. Und selbst von staatlicher Seite wird die ehemalige Rebel Music heute fast zu Tode geknuddelt, mit Museen und nationalen Gedenkstätten selbst für einen Unruhegeist wie Peter Tosh.

Einfacher Luxus

Die Musik ist erst dann nicht mehr zu hören, als wir uns über endlose Serpentinen durch die eng gefalteten Täler der Blue Mountains nach oben gewunden haben. Am Straßenrand kullern Dörfer die Hänge rauf und runter, Häuser balancieren auf wacklig aussehenden Plattformen über dem Abgrund, dazwischen überwältigende Ausblicke auf die Ebene unten am Meer, wo Kingston schimmert. Fast ganz oben wartet das Retreat-Ressort Serendipity, betrieben von einem Familienzweig des Riddim-Twin-Bassisten Robbie Shakespeare. Die Anlage besteht im Grunde aus nicht mehr als ein paar hübschen Holzhäusern im Regenwald, in der Nähe rauschen zwei Wasserfälle, in deren kaltem Bergquell-Wasser man schwimmen kann, morgens krähen die Hähne, ansonsten: Ruhe.

Schrein in den Bergen – Bässe von Robbie Shakespeare im Serendipity-Ressort

Das, denke ich, ist eine Form von einfachem Luxus, die wenig zu tun hat mit der globalisiert öden Version davon mit ihren ewigen Infinity-Pools, Restaurants mit gedämpftem Licht und klimatisierten Zimmern mit Kingsize-Betten. Sie entsteht ganz direkt aus der Schönheit der Natur. So wie auch hinter einer unscheinbaren Holzpforte in den Hügeln über Kingston, wo ein steiniger Pfad in ein verborgenes Paradies führt: zu Pretty Close, einem Spot für Sonntagsausflüge. An einem Flüsschen zwischen großen, runden Felsen mitten im Wald grillen hier ein Rasta-Koch und seine Frau für uns Snapper-Fisch. Zum Trinken servieren sie mit der Machete frisch aufgehackte Kokosnüsse, die vorher zum Kühlen im Fluss schwammen. Dazu gibt es einige der lokalen Obst- und Gemüsesorten, die man auch als kulinarisch offener Mensch vorher noch nie gegessen beziehungsweise deren Namen man noch nicht mal gehört hat: Naseberry etwa, Soursop (Stachelannone) oder der spinatähnliche Callaloo (die Blätter von Amaranth-Pflanzen). Und natürlich die Nationalfrucht Ackee, die schmeckt und aussieht wie Rührei und mit Stockfisch-Fetzen traditionell zum Frühstück serviert wird. Dazu, UK lässt schon wieder grüßen, sehr viele diagonal geschnittene Toastscheiben. Besser sind aber Kohlenhydratbomben wie Johnny-Cakes (frittierte Teigbällchen), Cassava-Bammys (Dumplings), Yams-Brei, gebratene Plantain oder Breadfruit.

Das Essen auf Jamaica ist jedenfalls überwältigend vielfältig, farbenfroh, voller Aromen und bunt kreolisiert. Schließlich haben alle Bevölkerungsgruppen, Kulturen und Ethnien, die mal freiwillig oder verschleppt hierher gekommen sind, ihre Spuren hinterlassen, von Westafrika bis China. Und weil man als Rasta streng genommen „Ital“ essen sollte, was vegan oder zumindest vegetarisch bedeutet, ist es kein Problem, sich auch als Tourist:in so zu ernähren. Der Geruch dieser Insel – eine Mischung aus Muskatnuss, Zimt und Thymian, Meeresluft, etwas tropischer Verwesung und Holzfeuer-Rauch, neben ein bisschen Weed hier und da – schwebt mir jedenfalls noch nach Wochen in der Nase. Und lockt mich, wie eine Duftfahne, die sich mir hinterher mit den Passatwinden zurück nach Nordosten einmal um den halben Globus gewunden hat, bei nächster Gelegenheit wieder dorthin. An diesen mythischen Ort, der mir nun etwas realer geworden ist.

Schimmern auf der Ebene –  Blick aus den Blue Mountains auf Kingston

Anmerkung: Die Reise des Autors erfolgte auf Einladung des Jamaica Tourism Board.

Drei Tipps für Reisende

1. Ordentliche Kleidung einpacken: Klar kann man auf Jamaica die ganze Zeit irie in Flip-Flops, Shorts und Trägerhemd am Strand abhängen. Aber wenn man etwas mehr von der Insel sehen möchte, sollte man für manche Situationen ein Set zumindest etwas gehobener Kleidung einpacken, sei es für das Jamaica Music Museum in Downton Kingston oder für etwas bessere Restaurants. Jamaikaner:innen tragen an solchen Orten auch Smart Casual.

2. Entspannt bleiben auf der Straße: Klar können die Straßenverkäufer:innen nerven, die einem an Touri-Hotspots etwa vor Bob Marleys Geburtshaus oder am Seven Mile Beach so beharrlich zu einem kleinen Deal überreden wollen. Aber diese Leute machen auch nur ihren Job. Und anstatt sie genervt abzubürsten, ist es für beide Seiten angenehmer, wenn man flexibel und entspannt bleibt und die immer gleichen Konversationen als sportiven Spaß auffasst. Wer weiß, vielleicht lässt man sich am Ende ja doch mal überreden.

3. Ans Ganja herantasten: Dieselbe fruchtbare Kombination aus Vulkanerde und tropischer Sonne, die den Obst- und Gemüsekorb der Insel so reichhaltig füllt, führt – in Kombination mit 100 Jahren Zucht-Know-how – zu außerordentlich starkem Weed. Der Konsum ist ähnlich halbgar legalisiert wie in Deutschland, man kauft Weed mit unbekannten Inhaltsstoffen illegal auf der Straße oder unter Angabe „medizinischer Gründe“ auf Rezept in „Medical Dispensary“-Läden, einer Mischung aus Coffee Shop und Pseudo-Apotheke. Man sollte sich vorsichtig daran herantasten.