Der Trance-Mann

Berliner Zeitung

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Tiësto ist ein DJ mit zumindest einem offenen Ohr – und damit König unter all den Trancetechno-DJs, denen die ewig gleiche Schwebeteilchen-Trommelwirbel-Soße längst beide Gehörgänge verklebt hat. Eine Exkursion in die niederländische Provinz zum erfolgreichsten DJ der Welt.

Losfahren, ankommen, warten, einsteigen, wieder losfahren, so geht es mit der Bahn in die äußeren Kapillaren der niederländischen Provinz. Die Züge werden kleiner, die Bahnhöfe putziger, die Ortsnamen possierlicher. Und am Ende der Reise, es ist mittlerweile Nacht geworden, steht man fassungslos auf einer Wiese vor einem Hallenquader: gigantisch groß, fahl angeleuchtet, umweht von Nebelschwaden, davor Rücklichter im Stau. Aus dem schwarzweiß karierten Hangar, in dem sonst Motorsport-Veranstaltungen stattfinden, wummern Techno-Bassdrums. Von seiner Fassade brüllt großflächig ein Plakat in die Dunkelheit: „Evolution – Let There Be Light“.

Der Eingang? „Auf der anderen Seite“, sagen die Security-Quadratmenschen auf der einen Seite, „nein, auf der einen Seite“, sagen die Quadrate auf der anderen. Nebelnasses Gras, kläffende Hunde, Absperrzäune. Und ringsum: Menschen, Menschen, Menschen, die auch alle da reinwollen. Sie drängeln sich vor dem Tor, weil dort drinnen heute Nacht der größte DJ der Welt auftreten soll. Der stammt ebenfalls aus der niederländischen Provinz, hat heute also ein Heimspiel, und er ist bekannt dafür, Großraumdisko-kompatiblen Trancetechno mit epischen Melodiebögen, endlosen Trommelwirbeln und sehr eindeutigen Signalen zum Hände-in-die-Luft-Reißen zu spielen. Techno für jedermann und seine Nachbarin also.

Und jedermann und seine Nachbarin sind denn auch gekommen zur TT Halle in Assen bei Groningen. Sie wogen und strömen und schwappen durch das Innere, mehr als 10.000 menschliche Körper. Ein Ozean aus Köpfen, die blinkende Hüte tragen, blinkende Sonnenbrillen, sogar blinkende Lollis. Aber ihr Geblinke wirkt fast zaghaft angesichts der Überwältigungsinszenierung des Raums: Laser, Stroboskope und Nebelwerfer greifen sich schon beim Eintreten die Orientierung, zwischendurch erblühen Feuerwerke zum Deckenhimmel, und auf riesigen Bildschirmen in der Mitte flimmert immer wieder kurz sein Gesicht, überlebensgroß.

Unter diesen Bildschirmen, mitten im Kopfozean, rotiert langsam eine runde Bühne, auf deren Rändern drei Meter große Tänzerinnen in Rokoko-Kleidern und unter Leuchtgirlanden-Perücken stelzenstaksen, während sie mit Laserpointern Zeichen in die Menschenmassen schießen. Es ist ein irres Brimborium, eine Zeitreise zurück in die frühen Neunziger, als Techno noch auf riesigen Raves zelebriert wurde. Im Auge des Spektakels schließlich steht er, ein leibhaftiger kleiner Mensch, und sieht verloren aus – der größte, der berühmteste, der erfolgreichste Clubmusik-DJ der Welt: Tiësto.

Was heißt schon „groß“, „berühmt“ und „erfolgreich“? In diesem Fall alles. Dieser DJ war der erste DJ, der solo ein 25.000-Besucher-Stadion ausverkauft hat – zwei Nächte hintereinander weg. Dieser DJ hat 2007 am Strand von Ipanema in Brasilien vor 250.000 Menschen aufgelegt, eins der größten Konzerte in der Geschichte der Menschheit. Und dieser DJ hat bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen den Einzug der Athleten mit einem Mix begleitet, den weltweit wohl mehrere Millionen Menschen gehört haben. Die Athleten aus den Niederlanden mussten damals von den Ordnern zum Weitergehen bewegt werden, weil sie vor dem DJ-Pult ihres Landesmanns zu tanzen anfingen.

Ein Autogramm im Nacken

In seiner niederländischen Heimat, wo der eher simple Trancetechno noch hoch geschätzt wird, ist Tiësto ein Super-A-Klasse-Promi. Gerüchten zufolge beträgt seine übliche DJ-Gage mehrere 10.000 Euro – pro Abend. Armani hat extra für ihn ein T-Shirt gestaltet, Rebook eine eigene Turnschuh-Serie. Junge Mädchen in engen Bikinis schreiben für seine Auftritte auf Plakate: „Endlich 18, endlich bei Dir, Tiësto“. Oder sie lassen sich gleich sein Autogramm in den Nacken tätowieren. Aber Tiësto hat grundsätzlich nur Beziehungen zu sehr blonden, meist holländischen Models. Die Redaktion des britischen Remmidemmi-Technomagazins Mixmagimmerhin fand all das so beeindruckend, dass sie Tiësto im vergangenen Jahr zum „No. 1 DJ in the World“ gekürt hat. Davor hagelte es mehrere Jahre lang denselben Titel von den Lesern des ähnlich gelagerten Hefts DJ Mag, ebenfalls aus Großbritannien. Königin Beatrix der Niederlande hat ihn letztens sogar in den Ritterstand erhoben.

Am Nachmittag vor seinem Auftritt sitzt dieser Ultrasupermegastar noch hinter einer verschrumpelten Geranie im Frühstücksraum eines Provinzhotels. Nur er und sein Käsesandwich – keine Hofschranzen, keine Manager, keine Bodyguards. Die Gruppe Wochenendausflügler vom Nebentisch, ja überhaupt jedermann hier nennt ihn kumpelig „Tijs“. So heißt er ja schließlich: Tijs Verwest, geboren 1969 und aufgewachsen in Breda, Südniederlande. Ein Lukas-Podolski-Typ: angenehm sportlicher Körper, dynamisch kurze Haare, leicht gebräuntes Gesicht, Lachfalten um die Augen und ein Jungsgrinsen, als hätte er gerade Apfelkuchen vom Fensterbrett geklaut. Der 40-Jährige sieht jünger aus als er ist, und er freut sich ehrlich, wenn man ihm das sagt: „Oh, danke!“, strahlt er: „Ich habe halt Glück gehabt mit meinen Genen.“

Schon Mitte der Achtziger begann der Teenager Tijs, in einem kleinen Club in seiner Heimatstadt Breda Platten aufzulegen. In der boomenden Trancetechno-Szene der Niederlande machte er dann schnell Karriere. Inzwischen spielt Tiësto weltweit. Gerade kommt er aus Tschechien, ist auf dem Sprung nach Ibiza und muss später in der Woche noch nach Malaysia oder, äh: Manila. So genau weiß er das grad nicht. Muss er mal seinen Manager fragen. Schlaucht das nicht, das viele Reisen? „Na ja, ich habe einen eigenen Jet“, lautet die Antwort, und es ist eine Kunst, diesen Satz ohne jede Spur von Angeberei zu sagen. Der gecharterte Business-Jet vom Typ Citation XLS ist halt ein Betriebsmittel. Simple Kalkulation: kürzere Reisezeiten, weniger Stress, mehr Auftritte, lohnt sich unterm Strich. Klingt glamourös, ist aber für einen wie ihn vor allem praktisch.

So bodenständig erscheint Tiësto, und falls seine Bodenständigkeit gespielt ist, dann ist sie jedenfalls gut gespielt. Das ist ja auch sein Image: der bodenständige Sympath mit reichlich Energie im drahtigen Körper. Allerdings entpuppt er sich im Gespräch auch als Mann ohne weitere Eigenschaften außer der, megaerfolgreich und trotzdem zugänglich und immer geradeaus zu sein. So gibt er ganz tief überzeugt Sätze von sich wie „Ich liebe Mode, ich liebe Models – DJs und Models, das ist die beste Kombination“, und man findet ihn trotzdem irgendwie nett. Aber warum eigentlich? Vielleicht, weil dieser Superstar wie ein Zauberspiegel ist, der immer das zeigt, was der Betrachter gern sehen möchte: Sexsymbol, Sunnyboy, Fußballkumpel, Schwiegersohn. Einer von uns!

Seine Spiegelfähigkeit könnte auch der Grund sein, warum Tiësto noch erfolgreicher ist als sein etwas schnöselig wirkender Megastar-DJ-Kollege Paul van Dyk. Er ist sich im Gegensatz zu dem Berliner eben nicht zu schade für sein Publikum. Ja: Dieser Mann, den jede zweite Nacht irgendwo auf der Welt mehrere tausend Menschen anbeten, kann sich und seine Musik sogar ganz gut selbst auf die Schippe nehmen. „Ich spiele heute Nacht auch mal etwas ernsthaften Techno, damit du nicht alles schrecklich findest“, sagt er zum Abschied und zwinkert verschwörerisch.

So schlonzt und schlendert Tiësto dann auf seine rotierende Bühne in der Mitte der Riesenhalle – und trägt dabei dasselbe lachsfarbene Gucci-T-Shirt wie am Nachmittag im Hotel. Muss man auch erst mal schaffen: sich nicht extra umzuziehen, wenn man am Abend vor mehr als 10.000 Menschen auf eine Bühne tritt. Vorher hatte er noch ein paar ausgewählte Fans in seine Garderobe geladen, dort jeden und jede von ihnen breit grinsend mit einem kräftigen Handschlag begrüßt und dann wie ein Ferienclubanimateur die vor Aufregung steife Besuchergruppe locker gemacht: ein paar nette Worte für jeden, ein paar Autogramme auf T-Shirts und nackte Bäuche, danach Drinks für alle. Die größte Sensation an diesem Abend ist, dass der Besucher aus Deutschland aus derselben norddeutschen Stadt stammt wie sein Lieblingskräuterschnaps. Irre, darauf noch einen!

Auf der Bühne lässt Tiësto dann zum Auftakt ein paar Feuerwerksfontänen zünden und gibt danach gleich Vollgas mkt seiner Musik. Er kann gar nicht anders – zu viel Energie im Fußballerkörper, und die Leute sind ja auch extra gekommen, damit sie jemand zum Ausflippen bringt. Tiëstos DJ-Programm bildet denn auch den kleinsten gemeinsamen Geschmacksnenner der mehr als 10.000 ravenden Holländer vor Ort: Unsubtil genug, um selbst Steinzeitmenschen mit ausreichend Signalen zu versorgen, wann und wie sie durchzudrehen haben. Einerseits. Andererseits ist Tiësto ein DJ mit zumindest einem offenen Ohr – und damit König unter all den Trancetechno-DJs, denen die ewig gleiche Schwebepart-Trommelwirbel-Soße beide Gehörgänge verklebt hat. Er legt zwischendurch auch mal eine Platte des britischen Rap-Derwischs Dizzee Rascal auf, für dessen aktuelles Album er gerade ein Stück produziert hat, oder spielt ein Stück der jungen Synthiepop-Chanteuse La Roux.

Für seine zaghaften Exkursionen in andere Genres muss sich Tiëstos von beinharten Trance-Fans in Internetforen als Verräter beschimpfen lassen. Aber er langweilt sich nun mal inzwischen mit der Musik, die ihn so erfolgreich gemacht hat. „Da ist jeder Melodiebogen gespielt, jeder Effekt gemacht worden“, sagt er. „Ich komme darum jetzt langsam aus meiner Trance-Box.“ Sein neues Spielfeld soll tanzbarer Indierock werden, so wie ihn eher ernsthafte, coole britische und US-amerikanische Bands wie die Editors, The Killers und die Yeah Yeah Yeahs spielen. Stücke von all diesen Gruppen hat Tiësto in der jüngeren Vergangenheit schon remixt, auf seinem neuen Label will er künftig ebenfalls tanzbaren Gitarrenrock veröffentlichen.

Unwirklich wie ein Hologramm

Auch Tiëstos neues Album „Kaleidoscope“ öffnet sich für solche Musik: Darauf singt nicht nur die kanadische Popsirene Nelly Furtado, sondern bei einem Stück auch Kele Okereke von der erfolgreichen Band Bloc Party. Bei einem weiteren Track findet sich unglaublicherweise der Gesang von Jónsi Birgisson von der isländischen Sphären-Kombo Sigur Rós. Dessen verhuschte Stimme wirkt in diesem Umfeld wie eine Elfe, die sich in ein Atomkraftwerk verirrt hat. Er sei halt ein Fan von Sigur Rós, erzählt Tiësto, und habe den Sänger nach einem Konzert in Chicago hinter der Bühne besucht. Über die gemeinsame Liebe zur britischen Achtziger-Metalband Iron Maiden habe man sich dann angefreundet.

So ist Tiëstos eigene Musik inzwischen zwar nicht mehr ganz so populistisch wie früher. Aber seine chromglänzend produzierten DJ-Sets sind immer noch vollgestopft mit hochstaplerischen Arpeggios, banalen Dramaturgien und unnötigen Melodiebögen. Doch diese Fülle und Völle braucht er wohl im Rücken, wenn er da unwirklich wie ein Hologramm in riesigen Hallen steht, um ungeheuerliche, aus zehntausenden Menschen bestehende Resonanzkörper zum Schwingen zu bringen. Und so rotiert Tiësto dann auf seiner runden Bühne, rings um sich Feuerwerk und Laserstrahlen, und die Gesichter da unten im Publikum verwischen vermutlich in Zeitlupe zu Schlieren, die an allen Orten der Welt gleich aussehen. Egal ob in den Niederlanden, auf Ibiza, oder in Malaysia, äh: Manila.