Während sich das Auto noch durch den zähen Verkehr im Westen von Jamaikas Hauptstadt Kingston1 quält, vibriert bereits der Bass in der Windschutzscheibe. Neben einer Grundschule lässt sich schließlich die Quelle der lauten Reggae-Musik ausmachen: Riesige Lautsprecher türmen sich auf dem Parkplatz eines kleinen Einkaufszentrums mit Schnapsladen, Bekleidungsgeschäft und Fitnessstudio. Kleinere Boxen hängen an den Balustraden des dreistöckigen Gebäudes. Dazwischen scheint die gesamte Nachbarschaft zu tanzen, vom schlafenden Baby, das auf dem Arm seines Vaters im Takt gewiegt wird, bis zu den Großeltern.2
In einer Ecke des Parkplatzes steuert eine kleine Gruppe die Musik: Ein DJ, in Jamaika „Selector“3 genannt, sucht die Stücke aus und mixt sie über ein Mischpult zusammen. Mehrere Männer und Frauen am Mikrofon, die sogenannten „Deejays“4, singen dazu und heizen die Tanzfläche mit Gesang und kurzen Rapzeilenan. Zwei Tontechniker haben ein Auge darauf, dass die Lautsprecher und Verstärker in der Nachmittagssonne nicht überhitzen. Zusammen werden solche Musik-Crews samt ihren Geräten auf Jamaika „Soundsystem“ genannt.5 Manche dieser Teams haben ihre eigene Anhängerschaft, die bei allen Partys auftaucht, ähnlich wie Fußballvereine.
„Soundsystems bringen alles mit und bauen es auf“, sagt Comar Campbell, „so schaffen sie ihre eigenen Räume.“6 Er ist der Veranstalter der kostenlosen Nachbarschaftsparty unter freiem Himmel, hat das Soundsystem eingeladen und zusammen mit den anderen Mieter:innen des Einkaufszentrums gesorgt, dass der Parkplatz frei ist. Da die Party kostenlos ist, zahlt Campbell keine Gagen. Es geht um den Spaß – und darum, vor Publikum neue Stücke zu testen. Als Musikproduzent landete Campbell unter dem Namen Frankie Music7 auf Jamaika bereits einige Hits mit Reggae und dessen härterer Variante Dancehall8. Sein Musikstudio befindet sich oben unter dem Dach der kleinen Shoppingmall. Dort sitzt er nun auf dem Balkon, nippt an einem gelb leuchtenden Drink und beobachtet das Treiben. Unten singen Musikerinnen und Musiker aus dem Umfeld seines Studios gerade lauthals – gemeinsam mit Fans, Freundinnen und Freunden sowie Leuten aus der Umgebung, die von der wummernden Musik aus ihren Häusern gelockt wurden.
Treffpunkt für alle
Auf Jamaika ist das gemeinsame Feiern zu einem Soundsystem, das irgendwo mitten in einem Wohnviertel seine riesigen Lautsprecher aufgestellt hat, viel mehr als einfach nur Spaß. Die oft kostenlosen Partys, sogenannte „Dances“, sind Treffpunkte für die Gemeinde, soziale Ereignisse und kleine Volksfeste. Hier kommt die Nachbarschaft zusammen. Es können auch die mitfeiern, die sich den Eintritt für Konzerte oder offizielle Clubs nicht leisten können. Schon Kinder lernen die neuesten Hits sowie die etablierten Klassiker der jamaikanischen Volksmusik Reggae kennen. Oft werden die Stücke zwischendurch leiser gedreht, dann übernimmt das Publikum das Mitsingen. Zur Erfrischung gibt es Bier oder Saft an improvisierten Bars, daneben werden Grills aufgestellt, Erdnussverkäufer streifen durch die Menge.9
Begonnen hat diese Art zu feiern auf Jamaika einst mit Hedley Jones10, der im Zweiten Weltkrieg bei der britischen Luftwaffe als Radartechniker gearbeitet hatte. Die Abfindung nach seinem Militärdienst investierte er 1947 in Kingston in ein Geschäft für Radios und Schallplatten.11 Um Kundschaft anzulocken, baute er sich eine Musikanlage, mit der er den Gehweg vor seinem Laden beschallte. Bald schon starteten dort so regelmäßig spontane Partys.1213 Der eigentliche Erfinder von Soundsystems war dann der Geschäftsmann Tom Wong,14 der in den 1950ern zum ersten Mal diesen Begriff verwendete, als er mit seiner lautstarken Musikanlage „The Great Sebastian“15 kostenlose Partys unter freiem Himmel schmiss.16
„Ich habe bei solchen Partys immer schon draußen am Tor gebannt auf diese riesigen Lautsprecher gestarrt“, erinnert sich Ronald Jarrett.1718 Er wurde 1951 geboren und ging schon als kleines Kind jede Samstagnacht mit seiner Großmutter zu den ersten Soundsystem-Dances. Heute ist er auf Jamaika unter dem Namen Uncle Ronnie bekannt und gilt als einer der besten Konstrukteure von Lautsprechertürmen für Soundsystems. Die baut er in seinem Haus am Strand östlich der Hauptstadt Kingston zusammen und verkauft sie inzwischen auch nach Europa, Japan oder Dubai.
Wichtiges Exportgut
Musik ist eines der wichtigsten kulturellen Exportgüter Jamaikas.19 Manche Strömungen von Reggae und Dancehall stehen im globalen Norden für ihre homophoben Texte und konservativen Aussagen stark in der Kritik20. Trotzdem lockt die Musik viele Touristinnen und Touristen auf die Insel21. Zudem treten Jamaikas Künstlerinnen und Künstler auf der ganzen Welt auf und bringen Geld mit nach Hause.22 Wie der Klangspezialist Uncle Ronnie wurden die meisten dieser Musikerinnen und Musiker durch Soundsystems sozialisiert.
„Ich kenne sehr viel Musik, ohne dass ich weiß, woher, weil sie gar nicht bei uns zu Hause lief“, erzählt etwa die junge Reggae-Sängerin Janine Elizabeth Cunningham alias Jah9.2324 Die Stücke habe sie vermutlich als Kind bei Soundsystem-Partys aufgeschnappt. „Du musst nirgendwo hingehen, um ein Soundsystem zu hören – die Musik kommt einfach zu dir“, sagt sie. Bei den Dances wird oft ein Mikrofon herumgereicht, sodass Nachwuchskünstlerinnen und -künstler dort ihre ersten Erfahrungen vor Publikum machen können. Bevor es ins Studio geht, heißt es: üben, neue Texte ausprobieren, mit der Stimme experimentieren – live am Soundsystem. Damit dienen die Dances auch als Musiklabor.
Und so steigt eigentlich an jedem Tag der Woche irgendwo in Kingston und Umgebung eine Soundsystem-Party. Sie heißen Uptown Mondays, Tuesday Service, Weddy Weddy Wednesdays, Rub-A-Dub Thursdays und so weiter.25 Auf dem Balkon über der Party vor seinem Haus lehnt sich der Musikproduzent und Labelbetreiber Frankie Music zufrieden zurück und nimmt einen weiteren Schluck von seinem Drink. „Das ist eine einzigartige jamaikanische Kultur“, sagt er. „Reggae ist Seelen-Musik – und so lange die Leute eine Seele haben, wird es das bei uns geben.“